Seit 200 Jahren - Eindeutige Erklärungen zum Wert des Schulsports
Politische Bekenntnisse - und die Wirklichkeit heute(DSB PRESSE, 28.3.2000)
Schlagzeilen in der Presse wie "Schulsport als Auslaufmodell?", "Schulsport als gesundheitspolitische Zeitbombe" oder "Die Eltern surfen auf dem See, die Kinder nur im Internet" machten in den letzten Wochen deutlich, in welcher kritischen Situation sich der Schulsport in Deutschland im Jahr 2000 befindet. Dabei müsste - theoretisch betrachtet - auf dem Gebiet der Leibeserziehung eigentlich seit fast 200 Jahren alles in Ordnung sein. Denn bereits 1809 hieß es in einer Bekanntmachung des Preußischen Innenministeriums: "Übrigens gebe ich hiermit bekannt, dass auch die Erziehungsbehörde das Bedürfnis allgemeiner gymnastischer Übungen lebhaft fühlt und solche zu einem Hauptbestandteil des Jugendunterrichts zu machen ernstlich bedacht ist." Verfasser war kein Geringerer als Wilhelm von Humboldt als Leiter der Kulturabteilung, Unterzeichner Freiherr von Stein als Minister.Noch deutlicher war die Kabinettsorder, die der Preußische König Friedrich Wilhelm IV am 6. Juni 1842 unterzeichnete: "So genehmige ich denn ihren Vorschlag, dass die Leibesübungen als ein notwendiger und unverzichtbarer Bestandteil der Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufgenommen werden." Dies war vor mehr als 150 Jahren wohlgemerkt.
Rund 45 Jahre alt ist der Brief des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Konrad Adenauer, an dem damaligen DSB-Präsidenten Willi Daume vom 25. April 1955, in dem es u. a. hieß: ..Trotz des geschehenen Missbrauchs in der hinter uns lieaenden Zeit soll die Leibeserziehung der Jugend nicht länger vernachlässigt werden. Sie muss im Interesse der heramvachsenden Generation als eine besonders kulturelle, soziale und staatsbürgerliche Aufgabe angesehen werden. Angesichts der sprunghaft steigenden Zivilisationsschäden und der körperlichen und nervlichen Verfassung unserer Jugend verdient eine ausreichende Leibeserziehung der Jugend und eine nachhaltige Sportpflege zur Erhaltung unseres Volkes die Aufmerksamkeit und Förderung aller verantwortlichen Stellen."
Und sein Nach-Nachfolger Dr. Kurt-Georg Kiesinger betonte 1968 beim DSB-Bundestag in Stuttgart: ,,Ich begrüße auf das lebhafteste die Vorschläge. die der Deutsche Sportbund in seinem Memorandum zum Stand der Leibeserziehung in den Schulen gemacht hat ..... Ich bin nicht für ein Sportministerium, aber ich bin für eine noch gründlichere. noch konsequentere Förderung des Sportes und der Leibeserziehung durch den Staat. durch Bund, Länder und Gemeinden, und ich bin es vor allem im Bereich der Schule. Es will einfach nicht in meinen Kopf dass der Sport. dass die Leibeserziehung, in unserer Schule einen so geringen Platz einnehmen soll .... Es wäre wirklich vonnöten, dass die Kultusministerkonferenz sich ganz ernsthaft mit diesen Problemen befasst."
Zwölf Jahre zuvor hatten die Kultusminister der Länder, die kommunalen Spitzenverbände und der Deutsche Sportbund in ihren gemeinsamen Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung in den Schulen" vom "24. September 1956 eigentlich unmissverständlich erklärt (Auszüge): .... "Die Leibeserziehung gehört zur Gesamterziehung der Jugend; Bildung und Erziehung sind insgesamt in Frage gestellt, wenn sie nicht oder nur unzureichend gepflegt wird. Turnerische und sportliche Betätigung ist daher zur Gesunderhaltung der Jugend nötig.
Im Schulwesen muss der Leibeserziehung die ihr zukommende Bedeutung in a.llen Schulen eingeräumt werden; dem Turn- und Sportunterricht muss genügend Zeit zur Verfiigung stehen. In fernerer Zukunft soll der Unterricht in den Leibesübungen in allen alIgemeinbildenden Schulen, Berufsfachschulen und Fachschulen möglichst eine tägliche Turn- oder Sportzeit umfassen."
Auch der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte als damaliger Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion bei der Jahrestagung der Deutschen Sportjugend im April 1969 in Berlin eindeutig Position bezogen: "Ein Bundespolitiker hat auf dem Felde der von den Ländern eifersüchtig verteidigten Kulturhoheit wenig zu schaffen. Wir im Bundestag sind in der Frage des Sports wirklich nur ein Redeparlament; wir dürfen darüber reden, aber wir dürfen darüber nichts beschließen. Im Grunde meine ich aber, dass bei den vielerlei problematisch gewordenen Aspekten unserer Bildungs- und Ausbildungssysteme die sportliche Erziehung mitten ins Zentrum dieser Auseinandersetzung hinoestelIt gehört."
Die Zahl der Beschlüsse und Erklärungen aus dem Bereich der Politik könnte aus den Archiven noch um ein Vielfaches ergänzt werden und würde noch viele Seiten füllen, die Praxis an den Schulen unseres Landes dokumentiert dagegen auch im europäischen Vergleich einen Niedergang des Schulsports mit Folgen, die - um den ehemaligen Außenminister Klaus Kinkel mit einer kürzlichen Aussage zu zitieren - ,,wie eine gesundheitspolitische Zeitbombe ticken".
Vielleicht sind Besserungen ja tatsächlich von dem neuen Präsidenten der Kultusminister-Konferenz, dem Sportpädagogen, ehemaligen Werder-Manager und heutigem Bremer Bildungssenator Willi Lemke zu erwarten, mit dem DSB-Präsident Manfred von Richthofen demnächst ein Gespräch über die dringend notwendigen Verbesserungen der Situation des Schulsports führen wird. Zu wünschen wären sie - vor allem im Interesse künftiger Generationen.![]()
Sportkommission