Walter Vogel (Nov. 2000)

Situation des Schulsports in Bayern 



 

1. Die momentane Situation im Schulsport ist deprimierend und desolat.
Bayern steht im Augenblick, bezogen auf die gehaltenen Sportstunden, auf dem letzten Platz der bundesweiten Rangliste. Dies bedeutet, dass nirgends - im Durchschnitt - so wenig Sportstunden stattfinden wie hier im Lande. Konkret sind dies an der Hauptschule 2,36 Sportstunden, an der Realschule 2,19 und am Gymnasium 2,65 erteilte Sportstunden. Wenn man weiß, dass in der Stundentafel jeweils 4 (!) Sportstunden vorgegeben werden, dann wird deutlich, warum ich die Situation so empfinde, wie ich sie oben ausgedrückt habe.
Noch ein kurzer Blick auf eine Statistik, die dieses Dilemma verdeutlicht:

Hauptschule                                           Schuljahr 1989/90                    3,80      Sp.Std.
Hauptschule                                           Schuljahr 1999/00                    2,37      Sp.Std.

Realschule                                              Schuljahr 1989/90                    2,90      Sp.Std.
Realschule                                              Schuljahr 1999/00                    2,14      Sp.Std.

Gymnasium                                            Schuljahr 1989/90                    3,20      Sp.Std.
Gymnasium                                            Schuljahr 1999/00                    2,52      Sp.Std.
 

Quelle ist jeweils das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 6.4.2000 bzw. vom 2.6.2000.

Im ganzen Schuljahr fallen damit insgesamt über zwei Millionen Sportstunden aus.

"Mediziner und Sportwissenschaftler weisen Jahr für Jahr nach, dass die Bewegungssituation und die Fitness unserer Kinder desolat sind. Die negativen Folgen sind Probleme bei der Bewältigung des Lebens und das Entstehen von Zivilisationskrankheiten im Erwachsenenalter. Schon deshalb sind die fortgesetzten Kürzungen der CSU und ihrer Staatsregierung beim Schulsport verantwortungslos", sagt Eberhard Irlinger von der SPD, und dem kann ich mich auch anschließen.
Schon 1996 habe ich dazu eine Pressemitteilung herausgegeben.

2. Bayern hätte eigentlich gute Chancen als das Land zu glänzen, das in Sachen Schulsport am Fortschrittlichsten ist.
Seit 1992 existiert ein neuer, m.E. sehr guter ( unter Mitwirkung von GEW- KollegInnen erstellter) Lehrplan, der den gesellschaftlichen und sportdidaktischen Veränderungen Rechnung trägt.
Er ist so aufgebaut, dass nicht die Sportarten im Vordergrund stehen, sondern ist in bestimmte Lernbereiche gegliedert.
Diese lauten :    a) Gesundheit
                            b) Fairness, Kooperation
                            c) Umwelt
                            d) Leisten, Gestalten, Spielen
Diesen Lernbereichen werden die Sportarten untergeordnet, so dass sportpädagogische und sportdidaktische Überlegungen im Vordergrund stehen.
Beispiel :  Klasse 7
                 Situation: neu zusammengewürfelt, vorpubertär, relativ große Anzahl
Früher :    es wird geturnt ( Kippen, Rollen, u.ä. )
                 Es wird gespielt ( Fußball, Handball, )
                  Im Sinne eines Neuerwerbs oder einer Weiterentwicklung von
                  Bewegungsfertigkeiten

Heute :     Überlegungen, was will ich in der Klasse erreichen ?
                  z.B., ich will mehr Zusammenhalt;  Fairness und Kooperation
                  welche Disziplin eignet sich dazu besonders ?   kooperative Spiele ,u.ä.
                  z.B., ich will mehr Regelverständnis ( auch allgemein ): Regeln
                  erarbeiten und darüber wachen, ob sie eingehalten werden , usw.

Forderungen der GEW-Sportkommission lauten :

1. Wenn schon ein neuer Lehrplan entwickelt wurde, dann müssen auch die  Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass er umgesetzt werden kann!
      (Er ist auf der Basis von 4 Wochenstunden Sport aufgebaut ! )
2. Speziell in den 5. und 6. Jahrgangsstufen müssen die 3. und 4. Sportstunde wieder ermöglicht werden !
3. Zumindest die dritte Sportstunde muss an allen Schularten (!) verwirklicht werden !
4. Jetzt schon macht sich ein quasi Einstellungsstopp der letzten Jahre bemerkbar ( Durchschnittsalter der Sportlehrkräfte bei ca. 51 Jahren ). Wir fordern die Übernahme aller ausgebildeten Lehrkräfte in den Schuldienst.
5. Die Ausbildung an den Universitäten muss sich entsprechend der Vorgaben durch den neuen Lehrplan ändern.
6. Neue Unterrichtsformen sind mit den aktuellen Klassenstärken nicht oder kaum anwendbar, deshalb ist auf lange Sicht auch hier eine Veränderung vorzunehmen !
 

3. Jugendliche treiben relativ viel Sport, aber nicht in der Schule und auch nicht im Verein.
Die Ursachen hierfür sind bekannt : Scheu vor "festen Strukturen" und Terminen;
nicht angepasstes Angebot; die sog. "in-Sportarten" sind meist Sportarten der Straße; Scheu vor Leistungsbeurteilung, nicht vor einer Leistung.
Es gilt also, dieses Potential an Bewegungskultur zu erhalten und zu fördern, indem z.B. freie Sport- und Spielplätze zur Verfügung gestellt werden oder Vereinsangebote sich ändern.
Ich halte nichts davon, mehr Geld in die Initiative "Jugend trainiert für Olympia" (im Trend nach den Olympischen Spielen : Schulen müssen Voraussetzungen für Spitzensport bieten) zu investieren, weil die Jugendlichen, die in den Genuss dieses zusätzlichen Sportangebots kommen, sowieso schon mehr Sport in Vereinen betreiben und dies auch nichts mehr mit der ursprünglichen Idee des Austauschs von Sportteams verschiedener Schulen zu tun hat. Jetzt treffen sich Vereinsteams, die zufällig - oder gezielt - an einer Schule zusammen sind, zu einem weiteren Wettkampfangebot.
 

Wichtig wäre aus unserer Sicht, dass diese Gelder erst einmal allen Schülerinnen und Schülern zu gute kämen, im obigen Sinne der Sicherung von Qualität und Quantität von Sportunterricht und für das Wettkampfwesen evtl. Sponsorengelder zur Verfügung gestellt werden.
Die Grundlagen zur Verbesserung der Situation der Jugend in Bezug auf Bewegung und Sport werden schon frühzeitig ( Vorschule, Kindergarten, Grundschule) in die Wege geleitet, deshalb muss auch hier eine qualifizierte Ausbildung im Bereich Sport gewährleistet werden. Die Kontinuität - im Sinne der Hinführung zu lebenslangem Sporttreiben, aber auch im Sinne der Hinführung zu leistungsmäßig betriebenem Sport - wird durch die weiterführenden Schulen erfüllt - wenn denn die Voraussetzungen ( s.o. ) gegeben sind.



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