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Erziehung und Wissenschaft 6.12.2003 Aus dem Rhythmus geraten Bewegungsmangel – Störquelle für eine Balance von Lernen und Leben bei Kindern Kinder haben heute keine
Kinderkrankheiten mehr. Akute Infektionskrankheiten, die noch vor einer
Generation vorherrschten, sind durch moderne Medikamentierung fast völlig
zurückgedrängt worden. Auch die vorherrschenden chronischen Erkrankungen
sind dank einer sehr guten Diagnose, Behandlung und Nachsorge, bei Kindern
selten. Auf den ersten Blick ist die junge Generation heute so gesund wie
noch nie, wenn uns auch die wachsenden Probleme bei Stoffwechselkrankheiten
und Allergien zu denken geben sollten.
Der gemeinsame Nenner aller Störungen hat heute drei Ausgangsfaktoren: Fehlernährung, Bewegungsmangel und falsches Stressmanagement. Die Konzepte von Prävention und Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen und Schulen kreisen deswegen um jene Trias von elementaren gesundheitlichen persönlichen Merkmalen. Die Erkenntnis ist klar: Über die Beeinflussung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens und das Training in einem kompetenten Stressmanagement lassen sich sehr viele der Probleme bearbeiten, die mit dem schlecht trainierten Immunsystem, der fehlenden Anregung und Schulung der Sinne, der Verbesserung der motorischen Koordination, des Abbaus von Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität sowie der Stärkung von Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz zu tun haben. Die vielleicht entscheidende
Störquelle für die gelingende Balance von Risiko- und Schutzfaktoren
bei Kindern und Jugendlichen sehe ich heute in dem Mangel an alters- und
körperangemessener Bewegung. Bewegung reguliert einerseits die Nahrungszufuhr
und den Kalorienverbrauch, sie trägt andererseits aber auch zum Stressabbau
und zur Abfuhr innerer Spannungen und Aggressionen bei.
Kinder haben einen natürlichen Bewegungstrieb, der heute offensichtlich durch eine unglückliche Gestaltung ihrer sozialen und räumlichen Lebenswelt eingeengt und gezähmt wird. Wenn Achtjährige täglich neun Stunden sitzen und ihre aktive Bewegungszeit nur eine Stunde beträgt, gerät der gesamte Stoffwechselhaushalt ebenso durcheinander wie das natürliche Hungergefühl und die Koordination ihrer Sinne. Haltungs- und Koordinationsschwächen, Seh- und Hörstörungen, Übergewicht und Allergien sind die Konsequenzen dieser ungesunden Verhaltensweisen. Durch übertriebene Sauberkeit und Hygiene wird auch die Fähigkeit des kindlichen Immunsystems geschwächt, körpereigene Widerstände zu erzeugen. Alle sensiblen Konzepte der Gesundheitsförderung setzen aus diesen Gründen auf die Förderung von Aktivität und handelnder Tätigkeit einschließlich der Kunst, Aggressionspotenziale spielerisch aufzunehmen, zu kanalisieren und freizugeben, etwa durch Musik, Kunst und Theater, aber auch durch Gestaltung von Schulhöfen und Spielplätzen. Diese Ansätze der Gesundheitsförderung sind inzwischen zu einer wichtigenVoraussetzung für Bildungs- und Unterrichtsprozesse geworden. Kindergärten und Schulen, welche die körperlichen, psychischen und sozialen Voraussetzungen von Bildung und Lernen übersehen, erzielen auch keine guten Resultate. Lern- und Leistungsbereitschaft können bei Kindern und Jugendlichen nur geweckt werden, wenn sie sich körperlich, psychisch und sozial wohl fühlen. In diesem Sinne gehören Gesundheitsförderung und Leistungsförderung unbedingt als eine Einheit zusammen. Die „Erlebnispädagogik“ von Kurt Hahn hat diese Erkenntnis schon in den 1920er-Jahren anschaulich auf den Punkt gebracht. Es wird Zeit, diese Konzepte wieder zu entdecken und sie auf die heutigen Bedingungen in Kindergarten und Schule zu übertragen. Klaus Hurrelmann
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