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Universität Potsdam    -    Juni 2001
Institut für Sportwissenschaft
Prof. Dr. Helmke
 
 

Welchen Schulsport brauchen Kinder und Jugendliche in der Sekundarstufe?
 

Seit September 1999 arbeiten Rahmenplangruppen in allen Fächern im Land Brandenburg daran, die Pläne der Sekundarstufe I gründlich zu überarbeiten.
Die Sekundarstufe I hat eine besondere Funktion:
Sie bildet den Abschluß des allgemein bildenden obligatorischen Schulwesens. Die Grundbildung aller Schülerinnen und Schüler hat daher  folgende pädagogische Ziele in allen Fächern zu realisieren:

- Anschlußfähigkeit und Vorbereitung auf lebenslanges Lernen,
- Mitbestimmungs- und Teilhabefähigkeit,
- Stärkung der Persönlichkeit,
- Ausbildungsfähigkeit.

Für diese perspektivische Zielsicht auf das Ganze der Sekundarstufe in Brandenburg kann und muß der Unterricht im Fach Sport einen wichtigen Beitrag zur schulischen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung leisten.
Grundsätzlich orientiert sich der Schulsport des Landes Brandenburg am Ersten und Zweiten Aktionsprogramm, beschlossen von der ständigen Konferenz der Kultusminister des Deutschen Sportbundes und den kommunalen Spitzenverbänden.
Auf einer landesweiten Schulsportkonferenz im April 2000 in Potsdam wurde die öffentliche Diskussion zur Weiterentwicklung und Neugestaltung des Sportunterrichts in der Sekundarstufe I eingeleitet. Über 250 Sportlehrerinnen und Sportlehrer des Landes diskutierten zu folgenden Fragestellungen:

1. Welchen Beitrag leistet das Fach Sport zur Grundbildung der Schüler in der Sekundarstufe I?
2. Welche Qualifikationen (Sach-, Sozial-, Methoden- und Personalkompetenz) sollen Schüler im Fach Sport am Ende der Klassenstufe 10 erreicht haben?
3. Was sind verbindliche, wahlweise-obligatorische und frei wählbare Inhalte des Sportunterrichts?
4. Wie kann fächerübergreifender und fachverbindender Unterricht geplant und gestaltet werden?
5. Wie können schulinterne Lehrpläne entwickelt und ausgestaltet werden?
6. Wie sollen Leistungen im Fach Sport bewertet werden?

Im Rahmenlehrplan für das Fach Sport (Entwurf zur Diskussion im Schuljahr 2000/2001) wurde der Beitrag des Faches zur Grundbildung in der Sekundarstufe I daraufhin wir folgt gekennzeichnet:

Der Sportunterricht ist wesentlicher Bestandteil der Bildung und Erziehung der Sekundarstufe I. Er soll den Blick für die Gesamtheit von Bewegung, Spiel und Sport in unserer Gesellschaft öffnen und vermittelt schulbezogene Ausschnitte aus dieser Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur. Er leistet einen unverzichtbaren Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler, indem er neben den körperlichen Fähigkeiten und sportlichen Fertigkeiten auch die geistige, emotionale und sozial-kommunikative Entwicklung der jungen Menschen fördert.
Im Mittelpunkt stehen solche Ziele und Aufgaben wie:

- die Entwicklungsförderung der organischen, motorischen und sensorischen Leistungsfähigkeit sowie die Entfaltung vor allem der koordinativen sowie der konditionellen Fähigkeiten und der Beweglichkeit;
- die Entwicklung und Verbesserung der Handlungsfähigkeit im Sport, der praktischen Teilhabe an der Sportkultur, unter mehrperspektivischer pädagogischer Sicht.

Die Ziele und Inhalte des Faches Sport werden im Rahmenlehrplan von einem ganzheitlichen Kompetenzmodell aus bestimmt und beschrieben.
Lernen im Sportunterricht realisiert sich in vier Dimensionen, die sich auf die Tätigkeiten der Schülerinnen und Schüler beziehen. Folgende Lernzielbereiche werden angestrebt:

Inhaltlich-fachliches Lernen:
- bei Bewegung, Sport und Spiel vielfältige grundlegende motorische Erfahrungen sammeln,- koordinative und konditionelle Fähigkeiten entwickeln,- sportliche Fertigkeiten erlernen und verbessern,- sportliches Können entwickeln und anwenden,- sportspezifisches Wissen erwerben, anwenden und bewerten lernen ,- die Wirkung des Sports für Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit begreifen, erleben und Reaktionen des Körpers in Belastungssituationen einschätzen lernen,

Methodisch-strategisches Lernen
- Übungs- und Wettkampfstätten selbständig, sicher und zweckmäßig herrichten,- selbständige Organisation von kleinen Spielen und Turnieren auch im außerunterrichtlichen Bereich inklusive der Auswertungsverfahren,- selbständiges Bilden von Gruppen bzw. Mannschaften,- Schieds- und Wettkampfrichtertätigkeiten durchführen,- Bewegungsabläufe beobachten, Fehler erkennen, auswerten und korrigieren,- selbständig kleine Übungsprogramme erstellen,- Verfahren und Methoden zur Verbesserung der körperlichen Fähigkeiten und sportlichen Fertigkeiten kennen und situationsgerecht anwenden können, Trainingsmethoden, Belastungs- und Erholungsformen, ect.- unterstütztes Finden von Benotungskriterien.

Sozial-kommunikatives Lernen
- gegenseitige Hilfe und Unterstützung in allen Phasen des Sporttreibens- Einordnen in die Sportgruppe und situationsgerechte Formen des Miteinander und Gegeneinander, der Ein- und Unterordnung akzeptieren und ausüben,- Fair Play,- Konfliktsituationen ertragen und Aggressionen abbauen,- individuelle Unterschiede hinsichtlich physischer und psychischer Voraussetzungen, sowie alters- und geschlechtstypische Bedingungen anerkennen

Selbsterfahrenes und selbstbeurteilendes Lernen
- entwickeln eines Bewegungsbedürfnisses,
- Bedürfnis zur Teilnahme am Sport in sportgerechter Kleidung sowie hygienische Verhaltensweisen,
- mit Sieg und Niederlage umgehen können,
- entfalten der eigenen Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit und des Strebens nach bestmöglichen Leistungen,
- Entwicklung eines realistischen Selbstbildes,
- akzeptieren, tolerieren und anerkennen der Leistungen anderer,
- herausbilden von Einstellungen hinsichtlich des verantwortungsvollen Umganges mit der Natur,
- über eine positive Einstellung zum anderen Geschlecht und zu Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen verfügen,
- Gesundheits- und Körperbewusstsein entwickeln
 

Nach Abschluß der Sekundarstufe I werden folgende Qualifikationen im inhaltlich-fachlichen Lernen nach Abschluß der Jahrgangsstufe 10 erwartet:

Leichtathletik:
- einen 4-Kampf (60m, Hochstart, Sprung, Wurf oder Stoß, 1000m) absolvieren

Gymnastik/ Tanz:
- Kurzkomposition mit Musik (Länge bis 1 Minute) mit Objekten bzw. mit Handgeräten oder ohne Handgeräten/ Tanz (Einzel, Partner, Kleingruppen)

Schwimmen:
- sicheres und ausdauerndes Schwimmen in mindestens einer Technik
- Elemente des Rettungsschwimmens;

Spiele:
- zwei Mannschafts- und ein Rückschlagspiel,
- individuelle Spielhandlungen in Angriff und Abwehr beherrschen
- kooperative Spielhandlungen bei Einwirkung des Gegners zweckmäßig einsetzen
- aktives und effektives Mit- und Gegeneinander

Zweikampf:
- ausgewählte Techniken zur Selbstverteidigung und Demonstration mit halbaktivem Gegner anwenden

Turnen:
- an 3 Geräten eine Übungsverbindung mit verschiedenen Elementen turnen;
 

Wissen:
- Kenntnisse über Techniken, taktische Verhaltensweisen vorweisen,
- Regeln, Wettkampf- und Sicherheitsbestimmungen kennen,
- Kenntnisse über Herz-Kreislauf-System und Muskelsystem vorweisen,
- Fachbegriffe verwenden,
- Merkmale von bestimmten Bewegungsabläufen nennen, unterscheiden und beschreiben,
- kleine Wettkämpfe organisieren, planen und durchführen,
- Erste Hilfe

Im Mittelpunkt des Sportunterrichts an den Brandenburger Schulen steht die Entwicklung der sportlichen Handlungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler, die vorrangig durch Unterrichtsverfahren vermittelt werden kann, die die Selbsttätigkeit und Selbständigkeit der Heranwachsenen fördert.
Selbständiges Suchen, Probieren und Lösen von Unterrichtsinhalten soll den methodischen Lernprozess weitgehend kennzeichnen.
Die körperlich-sportliche Grundbildung wird durch verbindliche und wahlweise-obligatorische Inhalte realisiert.
 
Verbindliche Inhalte Wahlweise-obligatorische Inhalte
Gymnastik/ Tanz (Gestalten/Tanzen und Darstellen) 
und/ oder Zweikampf

Leichtathletik (Werfen-Springen-Laufen, Stoßen)

Turnen (Turnen mit, ohne und an Geräten)

Schwimmen (Bewegen im Wasser)

Spiele (Spielen in und mit Regelstrukturen)

- Basketball
- Fußball
- Handball
- Volleyball
- Badminton
- Tennis
- Tischtennis

 
Die Inhalte einer erweiterten körperlich-sportlichen Grundbildung thematisieren lebensweltliche Zusammenhänge und Entwicklungsaufgaben der Schülerinnen und Schüler. Dabei können Themenfelder und Themen ausgewählt und in Kooperation mit anderen Fächern realisiert werden. Als Themenfelder werden vorgeschlagen:

1. Gesund durch Sport (z.B. Gesunde Ernährung; Gesunder Rücken; Sucht und Drogen)

2. Sportliche Vielfalt (z.B. Mehrkämpfe verschiedener Bewegungsgruppen)

3. Miteinander und Gegeneinander (z.B. Fair play; Angst und Vertrauen)

4. Gleich sein – anders sein (z.B. Sport mit Menschen anderer Kulturkreise)

5. Erlebnisräume nutzen – Erlebnisräume schützen (z.B. im natürlichen Umfeld)

6. Kreative Bewegung (z.B. Feste und feiern ausgestalten)
 

Für die Qualität von Schule und Unterricht ist eine berufsspezifische Qualifikation und Fortbildung von Sportlehrerinnen und Sportlehrern eine wesentliche Bedingung. Neben den Fähigkeiten wie Unterrichten und Erziehen, Beurteilen und Organisieren, sind andere Aufgaben wie Beraten, Kooperieren, Innovieren und Evaluieren neu ins Blickfeld geraten und erweitern das Spektrum dessen, was Sportlehrkräfte von heute und morgen können müssen.
Lehrer sind und bleiben die wichtigsten Akteure für schulische Innovationen, d.h. Rahmenlehrpläne müssen die Hauptakteure an der Schule auch erreichen, sie müssen als „Innovationsinstrumente“ auch wirklich anerkannt werden.
Rahmenplanentwicklung ist keine „Geheimpapierarbeit“, sie lebt von der Schulpraxis!
 

Die Rahmenplanentwürfe stehen allen Schulen des Landes seit Oktober 2000 zur öffentlichen Diskussion zur Verfügung.
Zahlreiche Rückinformationen haben die Mitglieder der Rahmenplangruppe Sport bereits direkt oder über die PLIB-Homepage (www.uni-potsdam.de/u/PLIB) erhalten.
Zur weiteren Präzisierung des Rahmenlehrplanes Sport interessieren uns Ihre Antworten zu folgenden Fragen:

1. Ist die Niveaubestimmung zur Kompetenzentwicklung in den einzelnen Jahrgangsstufen ausreichend ausgewiesen und nachvollziehbar?

2. Wie schätzen Sie die Auswahl und die Darstellung der Inhalte ein?

3. Sind der Grad der Verbindlichkeit im Rahmenlehrplan und die Relation zwischen Verbindlichkeit und Offenem ausreichend? Wie ist das Zeitbudget für die Vermittlung und Festigung verbindlicher Inhalte, für die Behandlung der wahlweise – obligatorischen und offenen Inhalte ausgewogen zu gestalten?

4. Wie schätzen Sie den Ansatz des themenorientierten Sportunterrichts in der Sekundarstufe I ein?
Sind weitergehende Hinweise erforderlich, wenn dieser Ansatz in der schulischen Praxis umgesetzt werden soll?

5. Welche Hinweise zur Art und Weise der Nutzung von Medien im Sportunterricht und beim fächerverbindenden Arbeiten sind außerdem aufzunehmen?

6. Sind die Hinweise zur schulinternen Planung des Sportunterrichts geeignet, den Dialog und den Konsens zwischen den Lehrkräften des Faches zu befördern und Impulse im Rahmen der schulischen Entwicklungsprozesse  für die bewegungs- und sportbetonten Ausgestaltung des Schulprogramms zu geben?