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Prof. Dr. Klaus Bös
Institut für Sport und Sportwissenschaft Karlsruhe

Expertenanhörung im Deutschen Bundestag
"Aktuelle Situation des Schulsports"
23. Februar 2000 zu
 

Bewegungs- und Fitnessmängeln unserer Kinder
Statement
 

Vorbemerkung

Der Deutsche Bundestag widmet dem Thema Schulsport ein Expertenhearing. Es kann angenommen werden, daß Hintergrund dieser Frage die aktuellen Diskussionen um Bewegungs- und Fitnessmängel von Kindern, um die zunehmende Gewalt von Jugendlichen in und außerhalb von Schulen sowie die immer wiederkehrende Diskussion um die Stundentafel im Fach Sport ist.
Die angesprochenen Punkte haben in den letzten Monaten für eine erstaunlich breite öffentliche Diskussion gesorgt.
Es ist berechtigt, daß sich auch der Sportunterricht wie andere Schulfächer der Legitimationsfrage stellen muß. Wenn allerdings die Tatsache akzeptiert wird, daß es bei unseren Schulkindern Bewegungsmangel, Haltungs- und Fitnessprobleme in breitem Umfang gibt, daß dieses Phänomen möglicherweise sogar zunehmend ist und wenn darüberhinaus daraus negative Folgen für die heranwachsende Generation abgeleitet werden können, dann erhalten die Argumente "pro Sportunterricht" und "pro Sport in der Schule" ein ganz anderes Gewicht.
In meinen nachfolgenden Ausführungen gehe ich primär auf diese körperlichen und motorischen Aspekte ein. Die positiven sozial-emotionalen Auswirkungen des Sports sowie Fragen zu den Rahmenbedingungen des Schulsports blende ich bei meiner Betrachtung weitgehend aus. Ich bündle meine Argumente in 6 Thesen.

Relevanz von Sport und Fitness in der Schule
Unsere Vorfahren brauchten ihren Körper, um ihre Existenz zu sichern. Dies galt für den Jäger in der Steinzeit aber auch noch für den Industriearbeiter und den Bauern vor wenigen Generationen. Unsere Vorfahren waren im Alltag körperlich fit, sie konnten aber nicht turnen, Volleyball spielen oder Skilaufen.
Sport, ein Luxusprodukt der Wohlstandsgesellschaft, spielte damals und spielt noch heute in den unterentwickelten Ländern der Dritten Welt keine wesentliche Rolle. Heute gilt Sport in den hochentwickelten Ländem durchaus als ein wichtiges Spiegelbild der Leistungsgesellschaft und wir wenden erhebliche Mittel auf, um diese Leistungsfähigkeit im Sport auch zu demonstrieren. "Haltungs-, Fitness- und Sportschwächen" unserer Kinder und Jugendlichen als breites gesellschaftliches Phänomen gefährden diesen Erfolg.
Für den Motoriker oder Bewegungsfachmann spielt es nun aber keine Rolle, ob er die motorische Leistungsfähigkeit und die damit zusammenhängenden Prozesse unter der Perspektive der sportlichen Leistung oder unter dem Blickwinkel der körperlichen Anforderungen in der Freizeit, der Arbeit oder des Alltags analysiert.
Die motorischen Steuerungs- und Funktionsprozesse beim Laufen sind die gleichen, ob man so schnell wie möglich auf der Aschenbahn läuft oder ob man versucht, den einfahrenden Zug zu erreichen. Eine Bewegungshandlung wird erst durch den Sinnzusammenhang zu einer sportlichen ("Laufen auf der Aschenbahn").

Aus einer solch globaleren Perspektive stellt sich für den Sport in der Schule, der den Vorteil hat, alle (zumindest fast alle) Kinder zu erreichen, nicht nur die Frage nach einer Leistungsmaximierung der sportlichen Fertigkeiten, die im Sport benötigt wird, sondern auch die Frage nach einer Leistungsoptimierung der Körperfunktionen oder vereinfacht ausgedrückt:
Wieviel Fitness braucht der heranwachsende Mensch, um seine Anforderungen in Alltag, Beruf und Freizeit adäquat bewältigen zu können?

These 1: Bei der motorischen Forderung unserer Kinder in der Schule geht es auch um die Förderung der sportlichen Leistung, aber es geht mehr -  zumindest vor dem Hintergrund der aktuellen Situation unserer Kinder -  um die Entwicklung der motorischen Basiskompetenzen und damit um die Verhinderung oder gar Beseitigung von Fitnessmängeln, von Koordinationsschwächen und von Haltungsproblemen.
 

Widersprüche bei der Situationsbeschreibung zu Sport und Fitness

Bei der Beschreibung des Phänomens "Sportschwäche" und/oder "körperliche Leistungsdefizite" bei Kindern und Jugendlichen stößt man auf ein Paradoxon. Einerseits ist es beeindruckend, über welches Niveau an sportlichen Fertigkeiten jugendliche Snowboarder, Skater und Mountain-Biker verfügen.
Darüberhinaus war die Sportvereinspartizipation zu keiner Zeit so hoch wie heute (über 80% der Kinder und Jugendlichen sind oder waren im Alter von 6-18 Jahren Mitglied in einem Sportverein) oder beherrschte ein so hoher Prozentsatz an Kindern bereits im Schuleintrittsalter spezielle sportliche Fertigkeiten in den Sportarten. Andererseits berichten Sportlehrer von erheblichen motorischen Leistungsdefiziten eines Großteils ihrer Schüler, und Sportmediziner klagen über zunehmende Haltungsauffälligkeiten, Übergewicht und beginnende Zivilisationskrankheiten.
Wer hat recht? Gilt die plakative Aussage "Fett und Krank" (Spiegel-Special) mit der Folgerung "Unsere Volksgesundheit ist in Gefahr' (Kiphard) oder ist Thiele (kürzlich in der Zeitschrift Sportunterricht) zuzustimmen, wenn er vor unreflektierten Generalisierungen der körperlichen Defizithypothese warnt?
Nach m.E. unterliegen wir häufig dem Wahrnehmungsphänomen, daß man die auffälligen positiven Ereignisse (z.B. tolle Akrobatik von Kids mit Inlines oder Snowboard in der Halfpipe) viel stärker wahrnimmt als die Alltagsrealität (Kinder sind eher inaktiv und sitzen bevorzugt vor dem Fernseher und Computer).

These 2: Es gibt immer weniger Kinder, die motonsch hervorragende Leistungen erbringen, aber es gibt immer mehr inaktive Kmder mit motorischen Leistungsschwächen.

Wissensbestände
Die Sportpädagogik, ist sich nicht einig in der Beurteilung dieser scheinbar widersprüchlichen Feststellungen.
Vor allem hat sportpädagogische Unterrichtsforschung wenig zur Phänomenbeschreibung beigetragen. Mir ist keine Untersuchung bekannt, in der auf repräsentativer Basis Daten zum motorisch-sportlichen Leistungszustand gesammelt wurden. Meines Wissens blieben bisher sogar die Chancen ungenutzt, vorhandenes bzw. anfallendes Datenmaterial (z.B. Daten aus Schuleingangsuntersuchungen, Ergebnisse bei Bundesjugendspielen, Abiturergebnisse) im Hinblick auf Möglichkeiten der Vereinheitlichung und nachfolgenden statistischen Auswertung zu überprüfen. Dessen ungeachtet liegt inzwischen eine Fülle an Einzelbefunden vor (vgl. Bös, Dordel, Kiphard, Koletzko, Kunz, Petersen, ...), denen Kritiker allerdings Stichprobenfehler oder mangelnde Vergleichbarkeit der Methoden vorwerfen.

These 3: Es gibt keine repäsenfativen Befunde zum IST-Zustand und zum Verlauf der motorischen Leistungsfahigkeit. Viele Mosaikstine fügen sich aber zu einem geschlossenen Bild zusamrnen, dass Aktivität und Fitness unserer Kinder absolut betrachtet und im Zeitverlauf abnehmen.

Was kann der Sportunterricht und der Schulsport leisten?
Was kann der Sportunterricht in der Grundschule erreichen, wenn er, wie in den meisten Bundesländern praktiziert, in hohem Maße vom Klassenlehrer fachfremd durchgeführt wird?
Was kann Sportunterricht im Gymnasium erreichen, wenn in einer Klassenstufe das Leistungsgefälle im Unterrichtsfach Sport um ein Vielfaches größer ist als in den anderen Schulfächern, da dort die Kinder durch fortschreitende Selektion viel stärker homogenisiert werden?
Wer keine quadratische Gleichungen lösen kann oder keine Englisch-Vokabeln beherrscht, wird irgendwann in den kognitiven Lemfächern scheitern. Wer keinen Purzelbaum kann, wird sich vermutlich irgendwann vom Sportunterricht befreien lassen, zumindest haben Fitnessdefizite und Sportschwächen aber keine weiteren Auswirkungen auf die Schullaufbahn.

These 4: Die adäquate motorische Entwicklung im Kindesalter und die Herausbildung der alltagsrelevanten körperlrchen Fahigkeiten ist eine gesamtgesellschaftlrche Aufgabe aller Erziehungsinstitutionen und damit nicht allein auf die Schule und auf den Sportunterricht begrenzt.

These 5: Der Sportunterricht und der Schulsport kann mit Blick auf Sport und körperliche Leistungsfähigkert der Krnder nicht alles leisten. Vor dem Hintergrund beschränkter zeitlicher Ressourcen bedarf es daher emer Prioritätendiskussion, welche Schulsportinhalte umzusetzen sind. Aus sportbezogener Perspektive geht es eher um eine Vorbereitung auf den Sport (welche Fertigkeiten besitzen den höchsten Transferwert), aus einer alltagsbezogenen Perspektive eher um die Frage der lebenslangen Bindung und Motivation zu körperlicher Aktivität.
 

Fragen zu Rahmenbedingungen und Unterrichtsgestaltung
Wer bleibt dauerhaft beim Sport? Spaß ist das meistgenannte Sportmotiv bei Kindern und Jugendlichen, aber Spaß ist ohne Könnenserfahrungen nur schwer vorstellbar. Beobachtungen außerhalb des Schulsports zeigen, daß Kinder und Jugendliche bereit sind, komplexe motorische Fertigkeiten zu erwerben und intensiv zu üben, wenn sie dabei Spaß haben. Der Lehrer ist dabei eher nicht gefragt. Sich stärker zurückzunehmen fällt Lehrern sehr schwer, ein anderer Hinderungsgrund, eher beratend tätig zu sein, ist der Zwang zur Zensurengebung. Alltagsorientierung bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf Leistungsstreben und Intensität.

Nur der wird dauerhaft körperlich aktiv sein, der in Kindheit und Jugend auch Könnens- und Intensitätserfahrungen gemacht hat. Traditionelle Sportarten, die nach wie vor den Fächerkanon der Ausbildung an Schulen und Universitäten dominieren, sind dazu nur ein Weg, um diese Könnenserfahrungen zu machen. Neue Sportkonzepte sprechen vielfach Kinder und Jugendliche wesentlich besser an. Hier sind Schulbehörden, Schulen und Lehrer bei der schwierigen adäquaten Berücksichtigung der sogenannten "life-time" Inhalte - die auch einem dynamischen Veränderungsprozeß unterliegen - gefordert.

Die dynamischen Entwicklungen im Freizeit- und Gesundheitssports belegen hier nachdrücklich, daß die positive Einschätzung von Bewegungsaktivität und körperlicher Fitness und damit verbunden der Stellenwert der Sportfachkraft nicht an äußere Formalkriterien wie Beurteilungskompetenz gebunden ist.
Die veränderte Sportlehrerrolle könnte diesen als Sport-, Fitness- und Gesundheitsberater im Schulalltag installieren. Dem Sportlehrer könnte damit sogar innerhalb des Kollegiums eine besondere Rolle zukommen, wenn man die empirisch vielfach belegten Zusammenhänge von Fitness, Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden akzeptiert.

These 6: Der Sportlehrer der Zukunft sollte in allererster Linie Berater für alle Fragen von Sport, Bewegung und Gesundheit in der Schule sein. Er benötigt Beratungsinstrumente (Diagnoseverfahren, Programme) und er benötigt Kenntnisse uber die Schnittstellen Schule-Verein, Schule-Ärzteschaft oder Schule-Jugendsozialarbeit für eine angemessene Sport und Bewegungsförderung  der Kinder. Unverzichtbar ist auch die Bereitschaft des Sportlehrers, diese Schnittsttellen zu pflegen und sich  im Rahmen von sportunterrichtsübergreifenden Schulkonzepten zum Sport aber auch zu Gesundheit und Fitness und zur außersportlichen Jugendarbeit zu engagieren. Netzwerkbildungen sind' hier gefragt Der Sport in der Schule kann weit über den Sportunterricht hinaus das Bild einer Schule prägen, und das Schulprofil bestimmen.



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