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24.5. 2007 FTD
 

Aktionsplan gegen Übergewicht lässt Schulen kalt
von Annette Berger (Hamburg)

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wollen die Deutschen zu einem gesünderen Lebensstil bewegen. Eine Forderung: mehr Schulsport. Daraus wird aber nichts.

Zwei bis dreimal 45 Minuten Sport in der Woche ist die Regel an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland - wenn kein Unterricht ausfällt. "Real kommen wir im Schnitt auf 1,5 bis 2,5 Unterrichtsstunden", sagt Siegfried Eith, Sprecher der Sportkommission bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zusatzprojekte oder Arbeitsgemeinschaften ergänzen das Angebot der deutschen Schulen, heißt es in den Kultusministerien mehrerer Bundesländer. Mehr Schulsport werde es künftig nicht geben.

Von dem Aktionsplan aus der fernen Hauptstadt Berlin lassen sich die Kultusminister der Länder im föderalen Deutschland nach eigenen Angaben wenig beeindrucken. Das ist ihr gutes Recht - denn sie allein sind zuständig für ihre Schulpolitik.
 

Auch die Opposition fand die Idee mit dem Sport gut
Damit dürfte eine der am meisten beklatschten Ideen der zwei Bundesminister im nationalen Kampf gegen das Übergewicht im Sande verlaufen. Seehofer und Schmidt hatten vor 14 Tagen unter großem Medienandrang ihre Pläne grob umrissen. Die Grundidee: Möglichst viele Teile der Gesellschaft sollen gemeinsam daran arbeiten, das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen zu ändern. Zwar hagelte es Kritik, da vielen Beobachtern der "nationale Aktionsplan" zu wenig konkret war. Die Forderung nach mehr Schulsport stieß jedoch auf einhellige Zustimmung. Auch die Opposition nickte.

Nun ist es nicht so, dass die Länder den Schulsport als "Gedöns" abtun. Mit der Aktion würden Seehofer und Schmidt durch "offene Türen" gehen, sagt ein Sprecher des Bildungsministeriums in Stuttgart. Schließlich habe man in Baden-Württemberg bereits viel früher den Stellenwert des Sports in der Schule erkannt. Durchschnittlich knapp drei Unterrichtsstunden Sport gebe es wöchentlich für die Kinder im Südwesten. Die Initiative der Minister Schmidt und Seehofer habe mit dem Angebot aber nichts zu tun - und werde es auch nicht steigern helfen.

Theoretisch eine gute Idee: Ulla Schmidt und Horst Seehofer"Es wird künftig eher weniger Sport an den Schulen geben", sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. In diesem Punkt werde der nationale Aktionsplan "völlig an den Ländern abprallen." Zwar wäre es wünschenswert, täglich eine Unterrichtsstunde anzubieten. Doch der Stundenplan der Kinder und Jugendlichen sei jetzt schon sehr dicht gedrängt, etwa weil die Schulzeit vor dem Abitur in einigen Bundesländern auf zwölf Jahre verkürzt wurde, der Stoff aber derselbe sei. Zudem hätten die Schulen gar nicht genügend Turnhallen oder Lehrer.

"Es ist nicht möglich, die Stundentafel nach allen Seiten auszuweiten", sagt auch eine Sprecherin des Kultusministeriums in Sachsen-Anhalt. Dass der Berliner Aktionsplan, der auch unter dem wenig charmanten Slogan "Fit statt fett" bekannt wurde, die Länder dazu animiert, mehr Sportunterricht anzubieten, sei kaum vorstellbar.

"Eine zusätzliche dritte Sportstunde ist weder finanziell realisierbar noch wären dafür überall Hallenkapazitäten vorhanden", heißt es auch aus dem Saarland. In Hessen läuft bereits seit 2003 die Aktion "Schule und Gesundheit", an dem Schulen mit eigenen Projekten teilnehmen können. "1000 hessische Schulen sind bereits dabei", sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums in Wiesbaden. Aber dies laufe unabhängig von dem nationalen Aktionsplan. "Wir haben das schon viel länger."

Eltern finden Mathe und Deutsch wichtiger
Niedersachsen will nach eigenen Angaben bei seinen zwei Sportstunden und Zusatz-AGs bleiben. In Sachsen gibt es drei Sportstunden pro Woche sowie Lehrmethoden, bei denen die Kinder auch während des normalen Unterrichts Bewegung bekommen - um sich danach besser zu konzentrieren. "Aber wir planen keine neuen Initiativen aufgrund des Aktionsplanes", sagt eine Sprecherin in Dresden.

Der Schulsport bleibt also, wie er ist. Ein Aufschrei wird deshalb wohl nicht durch die Republik gehen. Auch viele Eltern scheinen den Sportunterricht weitaus weniger wichtig zu nehmen als beispielsweise Mathe oder Deutsch, sagt GEW-Sportkommissionssprecher Eith. "Die Eltern beklagen zuerst, wenn die anderen Fächer ausfallen."
 

 

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