Start
Sportkommission
Frankfurter Rundschau
(14.8. 2002)
 
 
Startklar nur in der Broschüre
Schüler sollen vorolympisch Lust auf Bewegung kriegen, aber der Sportunterricht kränkelt

Von Peter Hanack

"Startklar für Olympia" - so sind die Broschüren betitelt, die Hessens Schüler und Schülerinnen dieser Tage in ihren Klassenzimmern finden. Lust auf Bewegung von Kopf und Körper sollen die Werbeheftchen von Landesregierung und Olympia-Büro machen - die Wirklichkeit des Schulsports indes sieht oft einige Graustufen trister aus als die schöne bunte Olympiawelt.

Die Bilanz war alles andere als erbaulich. Der Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Main-Kinzig hatte im Laufe des vergangenen Schuljahrs gefragt, wie es denn um den Schulsport in Hanau und Umgebung stehe. Das Zeugnis, das die GEW-Funktionäre ausstellten, hätte einem Schüler zur Versetzung kaum genügt. Note: "mangelhaft". Die Rückmeldungen, die die GEW von 32 der 60 angeschriebenen Schulen erhielt, strotzten nur so von Anmerkungen wie "Deckenplatten verschimmelt", "Boden schadhaft" oder "keine Duschen vorhanden". Turnhallen waren in einem oft erbärmlichen Zustand, häufig weit von den Schulen entfernt oder wegen anderer Veranstaltungen für den Sportunterricht nicht benutzbar. Es mangelte an Fachlehrern, ordentlichem Gerät oder einfach nur am Willen, die bis Klasse 8 laut Stundentafel vorgeschriebene dritte Sportstunde auch zu erteilen.

Und der Main-Kinzig-Kreis ist beileibe kein Einzelfall. Wie dort sieht es nach Beobachtung der GEW vielerorts in Hessen aus. "Der Sportunterricht ist ein Stiefkind der hessischen Schulpolitik", urteilte denn auch der GEW-Landesverband in einer Stellungnahme zum Jahr des Schulsports. Der Satz ist schon ein gutes Jahr alt, verbessert hat sich die Situation seitdem kaum. "Nach Pisa", so fürchtet Rolf Dober von der GEW-Landessportkommission, "könnte es für den Schulsport sogar noch schwieriger werden." Schon in der Vergangenheit sei die Tendenz zu beobachten gewesen, dass der Sportunterricht zugunsten der "harten" Fächer wie Englisch und Deutsch vernachlässigt werde, nicht selten auf Druck der Eltern. Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler beim Pisa-Leistungsvergleich könnte den Verteilungskampf an den Schulen nun weiter in diese Richtung drängen, die Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen auf Kosten des Sports zu stärken.

Dabei werden Politiker, Lehrer und Sportfunktionäre nicht müde, die immense Bedeutung des Sports für Gesundheit, soziales Lernen und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen zu betonen. Die von Landesregierung und Frankfurter Olympia-Büro initiierte Aktion "Startklar für Olympia", mit der Lehrer und Schüler für olympische Ideale und die Bewerbung Frankfurts und der Region um die Sommerspiele 2012 begeistert werden sollen, belegt den Stellenwert, den die offizielle Politik dem Thema beimisst. Immerhin 260 000 aufwendig gestaltete Werbebroschüren wurden dieser Tage an den Schulen verteilt. "Schulsport ist die Chance, jungen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und Kulturen einen positiven Zugang zur Bewegung zu verschaffen", sagt Stefan Haid, Vorsitzender der Sportjugend Hessen. Und dieser positive Zugang sei dringend geboten angesichts motorischer Defizite, Fettleibigkeit, Rückenbeschwerden und Herz-Kreislauf-Problemen, wie sie immer häufiger bei der Schuleingangsuntersuchung diagnostiziert würden. "Manche Kinder können ja nicht mehr rückwärts auf einer geraden Linie gehen", sagt Haid.

Gerade erst hat die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) vorgerechnet, dass zu Beginn dieses Schuljahres die Stundentafel zu 100 Prozent abgedeckt sei. Es müsse kein Unterricht mehr ausfallen, sagte sie am Montag.

Doch selbst in ihrem Ministerium räumt man auf Anfrage ein, dass dies wohl eher eine rechnerische Größe sei. Die regionale Verteilung der Fachlehrer mache eine 100prozentige Abdeckung gerade auch beim Sportunterricht unmöglich; vor allem an den Grundschulen werde Sport ohnehin häufig fachfremd unterrichtet. Nur bei drei von fünf Sportstunden der Klassen 1 bis 4 steht eine ausgebildete Sportlehrerin an der Matte.

Natürlich gibt es auch die positiven Ausnahmen. Die Carl-von-Weinberg-Schule im Frankfurter Stadtteil Goldstein ist so eine Ausnahme. Als einzige hessische Eliteschule des Sports, offizielle Partnerschule des Olympiastützpunktes Frankfurt, ist sie mit Lehrern bestens ausgestattet. Schließlich werden dort 160 junge Spitzensportler unterrichtet. Doch selbst dort sieht die Zukunft nicht nur rosig aus. Den Goldsteinern fehlt eine weitere Drei-Felder-Turnhalle, für die die Planungskosten auch im Frankfurter Haushalt 2003 stehen. "Aber was, wenn Frankfurt am 3. November vom Nationalen Olympischen Komitee nicht als deutscher Bewerber um die Spiele 2012 auserkoren wird?", fragt Sportjugendchef Haid, zugleich Oberstufenleiter an der Weinberg-Schule. Dann nämlich, so fürchtet er, könnte angesichts leerer öffentlicher Kassen aus den Sporthallenplänen nichts mehr werden. Von der olympischen Idee bliebe den Schülern dann wenigstens die offizielle hessische Werbebroschüre.
 

Mehr Bewegung
Von Peter Hanack

Die Schulen, so die Absicht der Aktion "Startklar für Olympia", sollen in Bewegung kommen. Der olympische Geist soll Schüler, Schülerinnen und Lehrer für die Idee Olympischer Spiele in der Region entflammen, soll Ideale wie Fairness, Leistungsbereitschaft und Teamgeist lehren, Körper und Geist schulen. Man kann der Aktion von Landesregierung und Olympia-Büro nur Erfolg wünschen. Und hoffen, dass der Anstoß zur Bewegung auch über die Klassenzimmer hinaus wirkt.

Landkreise und kreisfreie Städte als Schulträger sind gefordert, den nötigen Bewegungsraum zu schaffen. Wo die nächsten Sportplätze und Hallen 15 Minuten und mehr von den Unterrichtsräumen entfernt liegen, ist ein geregelter Sportunterricht kaum möglich. Das gleiche gilt für vergammelte Umkleiden, marode Hallenböden oder abgenutzte Geräte. Wo die Einrichtungen fehlen, müssen sie gebaut, wo seit 20 Jahren mit Pflege und Renovierung geschludert wurde, muss saniert werden. Das tut den Kommunen natürlich weh, die Kassen sind häufig leer, kürzen lautet das Gebot der Stunde.

Meinen es Lokal- und Landespolitiker aber ernst mit ihrer Hochachtung des Sports, dann müssen sie dem Sportunterricht auch einen vorderen Platz an den Schulen einräumen, auch wenn dies mühsam ist. Das Land ist gefordert, ausreichend Fachlehrer einzustellen - an Grundschulen ist fachfremder Sportunterricht bislang eher Regel denn Ausnahme. Sport darf auf den Stundentafeln nicht anderen Fächern weichen, die Möglichkeiten der Flexibilisierung, wie das Land sie den Schulen einräumt, müssen eingeschränkt werden. Dann kann der olympische Geist nicht nur als Ideal an den Schulen einziehen, sondern ganz konkret auch Leib und Seele beflügeln.


zurück
Start
Sportkommission     GEW-Sportkommission/Hessen