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Landesverband Hessen
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Mehrperspektivität, Themenorientierung und Bewegungsfelder
Entwurf eines neuen Lehrplans Sport für die SEK II liegt vor
 
Am 15. 11. 2000 stellte die „Arbeitsgruppe Sport in der gymnasialen Oberstufe“ der Hessischen Kultusministerin  ihren Entwurf eines neuen Lehrplans vor. In einem Gespräch wurden die wesentlichen Neuerungen charakterisiert.
Nach über 20 Jahren bedarf es einer dringenden Neuorientierung  im Sportunterricht der Oberstufe. Ein verändertes Sportverständnis, die Ausdifferenzierung der Bewegungskultur über das bisherige „Sportartencurriculum“ hinaus sind ebenso Ansatzpunkte der Neuorientierung wie der erweiterte Bildungsauftrag des Schulsports („Erziehung im Sport“ aber auch „Erziehung durch Sport“). Daneben wird vor dem Hintergrund aktueller gymnasialpädagogischer Positionen (z.B. von Seiten der KMK) ein deutlich größerer Beitrag zur Förderung der Methodenkompetenz eingefordert. Aber auch Probleme der Kurs- und Lernorganisation (z.B. die Organisation der Sporttheorie im 4. Prüfungsfach hinsichtlich der geforderten Theorie-Praxis-Verzahnung) bieten Ansatzpunkte für neue Lösungen.

In seinen didaktischen Grundentscheidungen und curricularen Prinzipien orientiert sich der  Lehrplanentwurf an dem Schulsportkonzept des Bielefelder Sportpädagogen D. Kurz und dem „Positionspapier der Kommission „Sport“ der KMK (2000).
Sechs pädagogische Perspektiven sollen helfen zu bestimmen, inwiefern sportliche Aktivitäten pädagogisch sinnvoll sein können. Jede dieser Perspektiven knüpft an individuelle Sinngebungen an, warum Kinder und Jugendliche den Sport schätzen . Diese pädagogischen Perspektiven sind im Sinne eines ganzheitlichen Ausbildungskonzepts im Prinzip alle gleich bedeutsam. Da sich im Laufe einer sportlichen Entwicklung Heranwachsender die individuellen Sinngebungen oder Motive ändern können, soll der Sportunterricht „mehrperspektivisch“ angelegt sein. Mehrperspektivität ist somit ein wesentliches Kennzeichen des neuen Lehrplanentwurfs. Als pädagogische Perspektiven werden genannt:

  • Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen
  • Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln
  • Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen
  • Sich körperlich ausdrücken, Bewegung gestalten
  • Sinneswahrnehmung verbessern, Bewegungserlebnis und Körpererfahrung erweitern
  • Etwas wagen und verantworten.

  • Bewegung, Spiel und Sport in der Schule werden somit nicht mehr nur als ein Abbild des organisierten Sports vermittelt, sondern um wichtige Bezüge erweitert, welche die Bildungspotenziale des Fachs Sport viel deutlicher hervortreten lassen.
    Um Missverständnissen vorzubeugen stellt die Arbeitsgruppe klar, dass die begriffliche Abgrenzung der Perspektiven  nicht bedeutet, dass es nur noch unter einer Perspektive um Können und Leistung geht. Die Entwicklung von Können und Leistung ist auch weiterhin zentrale Aufgabe des Sportunterrichts, jedoch soll der unter dieser Perspektive thematisierte Sportunterricht erarbeiten, wie z.B. Leistungen sich an Normen orientieren, Leistung und Erfolg zusammenhängen, Verabsolutierung von Leistung u. U. zu einem Gesundheitsrisiko wird usw. D. h. es geht bei dieser Perspektive um eine gezielte Leistungserziehung, so wie es unter einer anderen Perspektive z. B. um eine ästhetische Erziehung geht.

    Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt im Lehrplanentwurf sind die Bewegungsfelder. Sie ermöglichen eine Öffnung des Sportunterrichts für eine zeitgemäße Erschließung der Bewegungs- Spiel- und Sportkultur. Somit können auch viele Sportarten und Bewegungsaktivitäten, die in dem bisherigen Sportartencurriculum nicht vorhanden waren, im Sportunterricht der Oberstufe thematisiert werden. Allerdings, so betonen die Autoren, darf diese Öffnung nicht als Angebot zur Beliebigkeit unterrichtlicher Inhalte missverstanden werden. Vielmehr sind im Lehrplanentwurf verschiedene Auflagen und Verpflichtungen enthalten, die sicherstellen sollen dass ein breites Spektrum an bewegungsbezogenen Lerninhalten Berücksichtigung findet.
    Die didaktische Struktur der Bewegungsfelder orientiert sich  an „grundlegenden Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Handlungsideen (z.B. Spielen, Kämpfen), gemeinsamer Bewegungsräume (z. B. Wasser), Interaktionsformen, Bewegungsabläufe oder spezifischer Körper- und Bewegungserlebnisse“ . Bewegungsfelder sind:
     

  • Laufen, Springen, Werfen
  • Bewegen im Wasser
  • Bewegen an und mit Geräten
  • Bewegung gymnastisch, rhythmisch und tänzerisch gestalten
  • Fahren, Rollen, Gleiten
  • Mit/gegen Partner kämpfen
  • Spielen
  • Den Körper trainieren, die Fitness verbessern.

  • Ausgehend von einer pädagogischen Perspektive werden die Sportarten/Bewegungsfelder und Lerninhalte ausgewählt, die den thematischen Zusammenhang in praktischer Erprobung, kognitiver Erfassung und emotionaler Zuwendung von Schülerinnen und Schülern besonders gut erschließen können. Die Sportkurse der gymnasialen Oberstufe sind themenorientiert, d.h. die bisherige Strukturierung nach Sportarten entfällt. Ein Thema, das die Arbeitsgruppe exemplarisch auf einer Fortbildungsveranstaltung in der Reinhardswaldschule in Kassel vorgestellt hat, könnte z. B. sein: „Laufen und Springen – ein Beitrag zur Verbesserung der Fitness?“.

    Der themenorientierte Sportunterricht erweitert die sportliche Bewegungskompetenz durch fachliche Kenntnisse aus drei Teilbereichen. So sollen die Schüler und Schülerinnen Kenntnisse zur Realisierung des eigenen sportlichen Handelns, zum eigenen sportlichen Handeln im sozialen Kontext und über den Sport als Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit erwerben. Neu in diesem Zusammenhang ist, Methoden und Formen selbständigen Handelns im Sportunterricht als spezifischen Beitrag zum wissenschaftspropädeutischen Lernen anzusiedeln. Hier geht es z. B. um Verfahren zur Lösung bewegungsbezogener Aufgabenstellungen, um Anwendung von Erklärungsmodellen und Testverfahren aus verschiedenen sportwissenschaftlichen Teilsdisziplinen usw.

    Entsprechend dem Lehrplanentwurf  ergeben sich konkrete Unterrichtsthemen durch die „oberstufengemäße Verknüpfung von Pädagogischen Perspektiven mit ausgewählten Lerninhalten und Kompetenzbereichen“:


     
     
     

    Als wichtige Grundsätze der Unterrichtsgestaltung sieht der Lehrplanentwurf die Verzahnung  von Theorie und Praxis, die wissenschaftspropädeutische Ausbildung, das selbständige Lernen und Arbeiten, die Schülerorientierung und die Kontinuität, Vertiefung und Progression vor.

    Für die Arbeitsgruppe Sport ist klar, dass ein Sportunterricht mit diesem Anspruchsniveau nur dreistündig in der Qualifikationsphase (Einführungsphase zweistündig) sein kann. Neu dürfte für viele Schulen auch sein, dass, wie in anderen Grundkursfächern auch, der Sportunterricht in der Qualifikationsphase in einer Hand bleibt, d. h. die Lerngruppen bleiben über zwei Jahre zusammen. Eine wichtige Aufgabe erhalten nach dem neuen Konzept die Sportfachkonferenzen. Sie entscheiden, steuern und kontrollieren eine ganze Reihe von Aufgaben bis hin zur Sicherstellung der Vergleichbarkeit fachlicher Anforderungen, Lernerfolgskontrollen und Bewertungsmaßstäbe.
     
     

    Stellungnahme der GEW-Sportkommission:

    Die GEW Sportkommission begrüßt den neuen Lehrplan für den Sportunterricht in der gymnasialen Oberstufe. Sie unterstützt den im Lehrplanentwurf zum Ausdruck kommenden didaktischen Ansatz. Entspricht er doch den langjährigen Forderungen der Sportkommission nach einer  inhaltlichen Reform des Oberstufensports. Nur durch diese Neuorientierung wird es möglich sein, dem Schulsport seinen unverzichtbaren Platz im Fächerkanon der gymnasialen Oberstufe auf Dauer zu sichern und das Leistungsfach Sport und Sport als Prüfungsfach in der Abiturprüfung zu erhalten.
    Durch das im Lehrplanentwurf geforderte sportliche Handeln unter bestimmten pädagogischen Perspektiven wird die Erziehungsaufgabe im Schulsport wieder stärker in den Vordergrund gerückt und damit und damit auch ein Beitrag zur fach- und stufenspezifischen Werteerziehung geleistet. Der vorgesehene größere und verbindliche Beitrag des Sportunterrichts zur Erweiterung und Stärkung der Methodenkompetenz wird ausdrücklich begrüßt. Die Praxis-Theorie Verzahnung ist endlich ausdrücklicher Bestandteil des Sportunterrichts. Als Gegenstand der besonderen Prüfungen wird es jetzt nicht mehr möglich sein, sporttheoretische Kenntnisse z. B. nur am Rande, ganz allgemein oder auf Regelkenntnisse beschränkt in den Unterricht einzubeziehen.

    Die in den Fortbildungsveranstaltungen, in denen der Lehrplanentwurf  bereits vorgestellt wurde, geäußerten Befürchtungen, der Sportunterricht werde in Zukunft  mit unangemessenen Zielansprüchen überfrachtet, sind sicher ernst zu nehmen und müssen von Zeit zu Zeit überprüft werden.
     

    Dreistündige Grundkurse im Sport

    Im Moment kann auf Lehrgängen, erfahren werden, dass die Hessische Kultusministerin beabsichtigt, den Grundkurs Sport auch in Zukunft nur zweistündig anzubieten. Die Gleichrangigkeit der Fächer und insbesondere die von Ärzteverbänden, Gesundheitsorganisationen usw. angemahnte notwendige Verstärkung des Sport- und Bewegungsbereichs für Kinder und Jugendliche erfordern nach Auffassung der GEW-Sportkommission dringend den dreistündigen Grundkurs Sport in der gymnasialen Oberstufe.

    Völlig unverständlich ist allerdings, wenn einzelne Schulsportkoordinatoren, wie auf der gemeinsamen Veranstaltung bei der Vorstellung des Lehrplanentwurfs geschehen, den Entwurf u. a. deshalb ablehnen, dass ein dreistündiger Sportunterricht in der gymnasialen Oberstufe nicht „machbar“ sei. Hessische Schulsportkoordinatoren, die solche „Eigentore“ schießen, fügen dem Schulsport damit großen Schaden zu. Hier sollten die GEW-Sportlehrer/innen doch sehr deutlich bei ihren Koordinatoren/Koordinatorinnen  vorstellig werden und sich für die Ausweitung des Grundkurses Sport einsetzen.
     

    Fortbildung und Vorlaufzeit  nötig

    Den Sportlehrer/innen muss umgehend die Gelegenheit gegeben werden, sich rechtzeitig mit den umfangreichen neuen Aspekten vertraut zu machen. Die GEW-Sportkommission  hat als ersten Schritt dazu den Lehrplanentwurf im Internet für interessierte Kollegen und Kolleginnen verfügbar gemacht.
    Auf der Internetseite:www.sportunterricht.de/entwurfhessen.html gibt es den Lehrplanentwurf Sekundarstufe II in Hessen schon seit einiger Zeit zum herunterladen. (Dort sind übrigens auch weitere Informationen zur GEW-Bundessportkommission  - www.gew-sportkommission.de - zu finden.)

    Umfangreiche Fortbildungsveranstaltungen vor der Einführung der neuen Lehrpläne im Sport sind unbedingt nötig. Die enge Verbindung von Theorie und Praxis, die wissenschaftspropädeutische Ausrichtung, die geforderte personelle Kontinuität, die Öffnung des Schulsports auf die Bewegungsfelder und damit auch auf neue Sportarten u. a. machen es notwendig, Sportlehrerinnen und Sportlehrer mit dem Lehrplan vertraut zu machen. Dringend nötig erscheint es, den Kollegen/innen Materialien zur Verfügung zu stellen, die bei der Planung, Durchführung und Auswertung der Kurse Hilfestellung bieten. Die Lehrplangruppe sollte hier bald für Abhilfe sorgen.

    Schade ist, dass die neuen didaktische und methodischen Absichten, die auch teilweise im Grundschullehrplan für den Sport auftauchen, mit der Sekundarstufe II fortgeführt werden und nicht, wie es logisch wäre, mit der Sekundarstufe I. Z. Zt. kann nicht davon ausgegangen werden, dass Schülerinnen und Schülern die hohen Ansprüche im Sportunterricht am Ende der Jahrgangsstufe 10 erfüllen, die für einen nahtlosen Übergang zu Erfüllung der Anforderungen  des Lehrplanentwurfes notwendig wären. Eine Übergangsregelung ist deshalb sehr wichtig. Darüber hinaus ist dringend geboten, den Mittelstufenplan in Abstimmung mit den Anforderungen in der Oberstufe nachzureichen. Um Erfahrungen mit dem geplanten Lehrplan zu sammeln muss die Umsetzung zunächst in der Jahrgangsstufe 11 beginnen und muss dann kontinuierlich fortgeführt werden.
     

    Die Fachkonferenzen müssen Gelegenheit haben, den Lehrplan frühzeitig zu beraten, um ihn inhaltlich und organisatorisch umsetzen zu können.  Auf sie kommt u. a. auch die wichtige Arbeit der  Koordinierung und Überprüfung der Vergleichbarkeit von Kursanforderungen zu.

    Es ist deshalb wichtig, dass die Hessische Kultusministerin Klarheit darüber verschafft, zu welchem Termin der neue Lehrplan Sport in Kraft treten wird. Um den Kollegen/innen die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen mit dem neuen Lehrplan zu sammeln, muss es bereits vor dem endgültigen Termin erlaubt sein, an den Schulen in einzelnen Kursen,  den Lehrplan zu erproben. Dazu muss eine Übergangsregelung getroffen werden, die es ermöglicht, auch ohne Bezug zu den „Einheitlichen Prüfungsanforderungen Sport (EPA)“ Kurse einzurichten und in die Abiturwertung einzubringen. Wichtig erscheint der GEW-Sportkommission auch, dass nach einer Erprobungszeit von zwei Jahren eine Zwischenbilanz gezogen wird.
     

    Nur wenn es gelingt, die Sportlehrer/innen vor Ort von den Inhalten und Vorzügen des Lehrplanentwurfs zu überzeugen, wird sich der Sportunterricht ändern. Es darf nach Auffassung der GEW-Sportkommission nicht sein, dass die traditionelle Sportartenorientierung, eingeschränkt auf wenige Prüfungssportarten,  weiterhin die  alleinige Richtschnur für den Sportunterricht in der gymnasialen Oberstufe ist.


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    Kurt Faust (Marburg)
     
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