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"FR"  21.04.2007

Miese Noten für den Schulsport
Schüler schaffen immer weniger, Lehrerstellen werden abgebaut, und die dritte Regelstunde Sport ist eine Illusion

Die Frankfurter Schulsporthallen sind in einem ähnlichen Zustand wie der Leistungsstand vieler Schüler: schwach befriedigend. Eine Arbeitsgruppe soll nun die Lage analysieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten.

Frankfurt - Beim Cooper-Test kann niemand schummeln, auch kein Schüler. Die Aufgabe lautet: Zehn Minuten laufen, und hinterher wird die zurückgelegte Strecke gemessen. "Vor acht Jahren", sagt die Sportlehrerin Hannelore Mayer, "haben unsere Elftklässler um die 2000 Meter geschafft. Heute sind es zwischen 1400 und 1800 Meter." Die Ausdauerleistung der Schüler lässt nach, so hat es die Fachleiterin Sport der Freiherr-vom-Stein-Schule ermittelt. "Eine halbe Stunde am Stück laufen, wenn auch nur im leichten Trab, das schaffen sie nicht mehr."

Freilich müssen die Schüler des Gymnasiums am Südbahnhof auch unter erbärmlichen Bedingungen ihre Leibesübungen absolvieren. Die kleine Halle stammt aus den 50er Jahren, der Boden ist lose, Betonpfosten nicht abgepolstert. "Turnen können wir nicht, weil wir keine Geräte haben", konstatiert Mayer. Auch Schwimmen fällt flach, seit das benachbarte Textorbad geschlossen ist. Die in den Lehrplänen verankerte dritte Sportstunde kann die Schule nur für die Klassen fünf bis sieben anbieten. "Wir waren mal elf Sportlehrer", so Mayer, "jetzt sind wir noch vier."

Erfahrungen wie diese sind typisch für den Sportunterricht an Frankfurter Schulen. Nun haben Stadt- und staatliches Schulamt mit Sport-Uni und Landessportbund eine Arbeitsgruppe gegründet, die ein "Frankfurter Schulsportkonzept" erarbeiten soll. In einem ersten Arbeitsschritt hat die AG Fragebögen an 36 Schulen geschickt. Und zumindest bezüglich der Qualität der Sporthallen kennt Sportprofessor Robert Prohl auch schon ein Ergebnis: "Der Zustand wird als schwach befriedigend bewertet."

Ähnlich verhält es sich mit dem Leistungsstand der Schüler. Hier hat die Arbeitsgruppe zwar keine neuen Daten abgefragt, es liegen aber bereits Erkenntnisse vor. So klafft bei den motorischen Fertigkeiten ähnlich wie bei den kognitiven Leistungen die Schere je nach sozialer Schicht auseinander. "Bei den Schülern aus bildungsnahen Familien ist die motorische Kompetenz heute sogar höher als früher", sagt der Sportpädagoge Prohl, der am Ginnheimer Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Uni lehrt. Entsprechend wenig bringen Schüler aus "bildungsfernen" Familien zu Stande. Das Schulsportkonzept soll auch Hinweise über "Sport und Migration" sowie Handlungsempfehlungen liefern. Professor Prohl hat an der Sport-Uni bereits ein entsprechendes Seminar initiiert.

Die dritte Sportstunde, so eine weitere Erkenntnis, ist an den Frankfurter Schulen praktisch nicht mehr vorhanden. "Damit rechnen wir schon gar nicht mehr", sagt Prohl. Immerhin lägen die Schulen bezüglich der obligatorischen zwei Sportstunden "nicht weit hinterher". Zumindest der katastrophale Zustand der Schulturnhallen soll in den nächsten Jahren etwas verbessert werden. Das Bildungsdezernat hat ein Investitionsprogramm für 27 neue Einfeld-Hallen gestartet. Außerdem darf die Freiherr-vom-Stein-Schule auf Besserung hoffen: Die Schule soll wie drei weitere von einem privaten Investor übernommen und grundsaniert werden. 
 

Martin Müller-Bialon

 

KOMMENTAR:
Krasse Fehler

VON MARTIN MÜLLER-BIALON 

Die neuen Lehrpläne für hessische Schulen verpflichten die Sportlehrer dazu, ihren Schülern schon in der Mittelstufe theoretische Kenntnisse beizubringen. So erfahren Sechst- und Siebtklässler, welche Sportarten zum olympischen Programm gehören, was unter "Rückschlagspielen" zu verstehen ist und wie die Trainingslehre funktioniert. Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden. Bloß: Das Pauken der Sporttheorie findet im regulären Sportunterricht statt, es reduziert folglich die ohnehin knappe Bewegungszeit. Da kann man nur fragen: Was soll das?

Kinder und Jugendliche bewegen sich heute viel zu wenig. Ihre Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit lässt im Vergleich zu früheren Jahrgängen stetig nach. Und dieser dramatischen Entwicklung hat die Politik nichts anderes entgegenzusetzen als die Einführung von Sporttheorie. Unfassbar!

Diese krasse Fehlentscheidung passt ins Bild eines Schulfachs, dem trotz alarmierender Zahlen noch immer nicht die adäquate Bedeutung beigemessen wird. Das äußert sich in der Lehrerzuweisung, im fast gänzlichen Verzicht auf die dritte Sportstunde und im katastrophalen Zustand der meisten Schulsporthallen. Das vom Bildungsdezernat angestoßene Programm für 27 neue Sporthallen wird den Missstand nur im Ansatz beheben können. Man kann deshalb nur hoffen, dass die neue Arbeitsgruppe die Misere schonungslos benennt und Alternativen aufzeigt.
 
 



 

Stellungnahme der GEW-Sportkommission Hessen

Miese Noten für den Schulsport  - Welche Maßnahmen sind erforderlich ?
Ein Kommentar zum Kommentar und Artikel von Martin Müller-Bialon
 

Die unbefriedigende Situation des Schulsports wird nicht nur seit Jahren beklagt, sondern ist auch durch die großangelegte Schulsportstudie "Sprint" aus dem Jahr 2004/05 empirisch belegt. 

Auffallend in der Diskussion um die Schulsportmisere ist besonders die Haltung der politisch Verantwortlichen. Während in Sonntagsreden immer wieder die besondere Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport hervorgehoben wird, sieht die Realität doch ganz anders aus. 

"Bewegung des Körpers bedeutet auch Bewegung des Geistes. Dieser  Spruch klingt simpel, ist aber wahr. Mehr Bewegung steigert nachweislich die Konzentrationsfähigkeit im Unterricht und hilft mit, die Schulleistungen Ihres Kindes zu unterstützen und zu verbessern  Die ganzheitliche Entwicklung Ihres Kindes ist somit ein wesentlicher Aspekt des Schulsportes."

Mit diesen Worten begrüßt Kultusministerin Karin Wolff die Leserinnen und Leser ihrer Hochglanzbroschüre „Schulsport öffnet Wege für ihr Kind". Bewegung, Spiel und Sport sollten nach ihrer Meinung einen zentralen Stellenwert im Bildungsprozess haben.
Die Wirklichkeit hält aber den großen Worten in vielen Punkten nicht Stand: Unterrichtsausfall,  unzureichende Sportstättenkapazitäten und -ausstattungen, fachfremder Unterrichtseinsatz, schulformspezifische Benachteilungen, unzureichende Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte trotz ständig neuer und erweiterter Aufgabenstellungen. 

Das Skandalöse daran ist, dass keine Maßnahmen erkennbar sind, die eine Veränderung der Situation bewirken könnten. Im Gegenteil: Viele Schulen kürzen einfach die vorgesehenen drei obligatorischen Sportstunden auf zwei. Nicht nur aufgrund mangelnder Fachkräfte und Sportstätten, sondern um Lehrkräfte anderweitig einzusetzen bzw. um den Stundenumfang im achtjährigen Gymnasium zu reduzieren. 

Von der Kultusministerin hört man dazu nichts, obwohl ihr diese Situation spätestens seit der einer parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 2005 (Drucksache 16/3583) bekannt sein müsste. 

Herr Müller-Bialon verlegt den Skandal auf eine ganz andere Ebene. Für ihn sind die "Theorieanteile" im Sportunterricht der Mittelstufe "unfassbar". 
Wenn Sport als Teil der Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden soll, kann es nicht um geistloses Bewegen gehen. Vielmehr sollen Kinder und Jugendliche den Sinn vielfältigen Sporttreibens erfassen und auch begreifen, warum sie etwas tun.
Es geht nicht um "Pauken olympischer Sportarten",  wie Herr Müller-Bialon  verzerrt darstellt.
Ganz im Gegenteil: Die neuen Lehrpläne rücken gerade auch deshalb vom althergebrachten Sportartenprinzip ab, weil die Bewegungswelt vielfältiger geworden ist und - auch das zeigen die Untersuchungen - Kinder und Jugendliche ein vielfältiges Bewegungsangebot wünschen. Das Schüler/innen auch wissen sollten, wie sie sich sinnvoll bewegen, belasten, ernähren können, ist pädagogisch unumstritten. Dies muss keineswegs die Bewegungszeit einschränken. Vielmehr wird immer dann, wenn Schüler zu selbständigen Lernen und Bewegen angeleitet werden, auch ihre Bewegungsmotivation höher werden.

"Schlechte Noten für Politiker in Sachen Schulsport" müsste eigentlich der Artikel lauten.
Nicht die Lehrpläne sind Schuld, sondern es fehlt die politische Bereitschaft auch Bedingungen zu schaffen, dass alle(!) Kinder in der Schule Gelegenheit bekommen, sich in eine doch sehr schöne und vielfältige Bewegungswelt hineinzuentwickeln und damit Voraussetzungen für ein gesundes und lebenslanges Sportreiben zu erlangen.
 

Rolf Dober / Kurt Faust 


Leserbrief  - abgedruckt in der FR vom 24.4. 2007

Der Sportunterricht bekommt schlechte Noten (FR vom 21. April).

Mehr Bewegung

Auffallend in der Diskussion um die Schulsportmisere ist besonders die Haltung der politisch Verantwortlichen. Während in Sonntagsreden immer wieder die besondere Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport hervorgehoben wird, sieht die Realität doch ganz anders aus.

Bewegung, Spiel und Sport sollten nach ihrer Meinung einen zentralen Stellenwert im Bildungsprozess haben. Die Wirklichkeit hält aber den großen Worten in vielen Punkten nicht Stand: Unterrichtsausfall, unzureichende Sportstättenkapazitäten und -ausstattungen, fachfremder Unterrichtseinsatz, schulformspezifische Benachteilungen, unzureichende Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte trotz ständig neuer und erweiterter Aufgabenstellungen. Das Skandalöse daran ist, dass keine Maßnahmen erkennbar sind, die eine Veränderung der Situation bewirken könnten. Im Gegenteil: Viele Schulen kürzen einfach die vorgesehenen drei obligatorischen Sportstunden auf zwei. Nicht nur aufgrund mangelnder Fachkräfte und Sportstätten, sondern um Lehrkräfte anderweitig einzusetzen.

Der FR-Kommentar verlegt den Skandal auf eine ganz andere Ebene. Für ihn sind die "Theorieanteile" im Sportunterricht der Mittelstufe "unfassbar". Wenn Sport als Teil der Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden soll, kann es nicht um geistloses Bewegen gehen. Vielmehr sollen Kinder und Jugendliche den Sinn vielfältigen Sporttreibens erfassen und auch begreifen, warum sie etwas tun. Die neuen Lehrpläne rücken gerade auch deshalb vom althergebrachten Sportartenprinzip ab, weil die Bewegungswelt vielfältiger geworden ist und Kinder und Jugendliche ein vielfältiges Bewegungsangebot wünschen. Dass Schüler auch wissen sollten, wie sie sich sinnvoll bewegen, belasten, ernähren können, ist pädagogisch unumstritten. Dies muss keineswegs die Bewegungszeit einschränken. Vielmehr wird immer dann, wenn Schüler zu selbständigen Lernen und Bewegen angeleitet werden, auch ihre Bewegungsmotivation höher.

Nicht die Lehrpläne sind Schuld, sondern es fehlt die politische Bereitschaft auch Bedingungen zu schaffen, dass alle Kinder in der Schule Gelegenheit bekommen, sich in eine vielfältige Bewegungswelt hineinzuentwickeln und damit Voraussetzungen für ein gesundes und lebenslanges Sportreiben zu erlangen.

Rolf Dober, Wiesbaden /Kurt Faust , Marburg, Sprecher für die GEW-Sportkommission Hessen