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. Juni 2005.

Zur Situation des Schulsports in Hessen
Trotz attraktiver Angebote mangelt es in der Grundversorgung
 
.. „Liebe Eltern,
Bewegung des Körpers bedeutet auch Bewegung des Geistes. Dieser Spruch klingt simpel, ist aber wahr. Mehr Bewegung steigert nachweislich die Konzentrationsfähigkeit im Unterricht und hilft mit, die Schulleistungen Ihres Kindes zu unterstützen und zu verbessern. Die ganzheitliche Entwicklung Ihres Kindes ist somit ein wesentlicher Aspekt des Schulsportes."

Mit diesen Worten begrüßt Kultusministerin Karin Wolff die Leserinnen und Leser ihrer Hochglanzbroschüre „Schulsport öffnet Wege für ihr Kind". Bewegung, Spiel und Sport sollten nach ihrer Meinung einen zentralen Stellenwert im Bildungsprozess haben.

Die Wirklichkeit hält aber den großen Worten in vielen Punkten nicht Stand: Unterrichtsausfall, unzureichende Sportstättenkapazitäten und -ausstattungen, fachfremder Unterrichtseinsatz, schulformspezifische Benachteilungen, unzureichende Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte trotz ständig neuer und erweiterter Aufgabenstellungen - nicht zuletzt: Verunsicherung der Lehrkräfte durch Diskussion von Arbeitszeitmodellen, die die Arbeit der Sportlehrerinnen und Sportlehrer abqualifizieren.

Im Dezember 2004 wurden die ersten Ergebnisse der umfangreichen Schulsportstudie "Sportunterricht in Deutschland" (Sprint) vorgestellt: Das Ansehen der Sportunterunterrichts und der Sportlehrkräfte ist gut, der Wunsch der Schülerinnen und Schüler nach einem umfangreichen und interessanten Sportunterricht ist deutlich, aber die Situation des Schulsports ist verbesserungsbedürftig. Das trifft auch für Hessen zu.
 

Unterrichtsausfall wie in keinem anderen Fach
Auch wenn die Kultusministerin immer wieder von einer hundertprozentigen Unterrichtsabdeckung in Hessen spricht - für das Fach Sport trifft dies nun wahrlich nicht zu. Eine kleine Anfrage von mehreren SPD-Abgeordneten im Hessischen Landtag brachte es im April an den Tag: In der Sekundarstufe I fallen 20 bis 25 Prozent des im Lehrplan vorgesehenen Unterrichts aus (Drucksache 16/3583). Hessen liegt damit im Bundestrend, wie die Sprint-Studie gezeigt hat: „Schlechte Noten für den Schulsport" urteilte die Presse nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse. „Es gibt kein anderes Fach, das in seiner Fördermöglichkeit so vielseitig ist wie der Schulsport" unterstreicht der bekannte Bielefelder Sportpädagoge Professor Dietrich Kurz, aber „der Schulsport geht an Krücken". Die FAZ titelte am 13.12. 2004 in einem Interview mit Professor Brettschneider (Paderborn), dem federführenden Wissenschaftler der Schulsportstudie: „Die Politiker kriegen die Hucke voll".

Dabei betonen alle Verantwortlichen immer wieder, welch hohe Bedeutung Bewegung, Sport und Spiel für die körperliche, geistige und soziale Entwicklung haben. Auch das Hessische Kultusministerium (HKM) wirbt nicht nur in erwähnten Broschüre für eine gezielte Bewegungsförderung, ja es spricht sogar von „Entwicklungsschäden durch Bewegungsmangel". Fakt ist leider aber auch, dass viele hessische Schülerinnen und Schüler nur einmal in der Woche Sportunterricht haben, oft unter ungünstigen Bedingungen.

Hinzu kommt noch der situative Unterrichtsausfall (Krankheit, eingeschränkte Sportstättenkapazitäten), der die Bewegungszeiten weiter einschränkt. Fachleute sind sich dagegen einig: Drei Wochenstunden Sport sind ein Minimum an Unterrichtszeit - auch wenn die Zeit natürlich noch nichts über die Qualität des Unterrichts aussagt.

Neben dem obligatorischen Sportunterricht gibt es auch außerunterrichtliche Wettkampfangebote, Talentförderung, Wahlpflichtunterricht, Arbeitsgemeinschaften und Aktionen für mehr Bewegung an den Schulen. Das Spektrum des Sports hessischen Schulen ist durchaus vielschichtig und attraktiv. Der Mangel in der Grundversorgung wird dadurch aber nicht behoben. Zusätzliche Angebote erreichen nur einen relativ kleinen Teil der Schülerinnen und Schüler.
Über Berufs- und Sonderschulen liegen keine aktuellen Zahlen vor. 1997 fielen an Teilzeitberufsschulen 75 Prozent des Sportunterrichts aus, an den an Vollzeitberufsschulen 28 Prozent.
 

Ursachen für den Unterrichtsausfall
Zwei Argumente dienen dem HKM, um die eigene Verantwortung zu relativieren:

  • „Unterrichtsverteilung und die Erfüllung der Stundentafel seien Sache der jeweiligen Schule." 

  • In der Tat ist, es für den Schulsport nach PISA nicht einfacher geworden. Schon in der Vergangenheit wurde der Sportunterricht zugunsten der „harten" Fächer Mathematik, Englisch oder Deutsch vernachlässigt - nicht selten auch auf Druck der Eltern. Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA könnte den Verteilungskampf an den Schulen weiter in Richtung der Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen drängen - auf Kosten des Sports, obwohl der Zusammenhang von Bewegung und Lernen eigentlich den umgekehrten Schluss nahe legt. Dagegen hilft nur die Überzeugungsarbeit der Kolleginnen und Kollegen vor Ort, um den Stellenwert von Spiel und Bewegung und damit auch des Fachs zu erhöhen. „Die Möglichkeit der Flexibilisierung der Stundentafeln zu Lasten des Sportunterrichts hat sich nicht bewährt", urteilt Kurt Faust von der GEW-Sportkommission, „hier müssen engere Grenzen gezogen oder eine Flexibilisierung ganz ausgeschlossen werden, denn es gibt keinen pädagogischen Grund, die Bewegung in der Schule einzuschränken".
  • „Die Differenz zwischen Soll und Ist-Stunden ist auch durch nicht ausreichende Sportstättenkapazitäten beeinflusst." (Landtagsdrucksache 16/3583). Auch dieser Zusammenhang ist nicht von der Hand zu weisen. Die Belegung einer großen Sporthalle (Dreifelderhalle) mit drei Klassen ist ohnehin der Normalfall - mit allen Belastungen für die Gesundheit der Sportlehrerinnen und Sportlehrer und die Qualität des Unterrichts. Auch die Ausstattung der Sporthallen entspricht nicht immer den Erfordernissen eines zeitgemäßen Sportunterrichts: „Schulen brauchen eine Sportstätten-Infrastruktur, die mit den modernen Standards der Gesamtausstattung Schritt hält, insbesondere dann, wenn sie immer mehr zu Lebensräumen der Kinder und Jugendlichen werden, die auch weite Bereiche der Freizeitgestaltung umfassen. Dazu gehören auch für den Schwimmsport taugliche Hallen- und Freibäder" (Professor Brettschneider). Gerade die Situation des Schwimmunterrichts ist besonders heikel. Alarmmeldungen, dass immer weniger Kinder schwimmen können, haben sicherlich auch etwas mit der Unterversorgung bezüglich des Schwimmunterrichts zu tun. Angesichts knapper öffentlicher Kassen und geplanter oder bereits vollzogener Schwimmbadschließungen wird sich das Problem noch eher verschärfen. Auch für einen Ganztagsbetrieb mit zusätzlichen Bewegungsangeboten werden zusätzliche Hallenkapazitäten gebraucht.


Gibt es genug Sportlehrerinnen und Sportlehrer?
In Hessen gibt es im Schuljahr 2004/05 nach Auskunft des HKM 7.500 Lehrkräfte für den Sportunterricht (ohne Berufsschulen), 200 weniger als im Jahr davor. Der Rückgang werde durch die Mehrarbeit der Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen der „Operation Sichere Zukunft" ausgeglichen, Über den tatsächlichen Einsatz gibt es keine Zahlen. Es kann jedoch vermutetet werden, dass in Konfliktsituationen oft anderen Fächern Priorität eingeräumt wird. An den Gymnasien könnte sich diese Tendenz durch das Zentralabitur und durch die Schulzeitverkürzung noch weiter verstärken.

Ein weiteres Problem ist der ungünstige Altersstruktur der Kollegien. Nicht selten ziehen sich ältere Sportlehrerinnen und Sportlehrer auf Grund der hohen physischen und psychischen Belastung aus dem Sportunterricht zurück.

„Wo qualifizierter Sportunterricht am nötigsten ist - in der Grundschule und in der Hauptschule - sind die wenigsten Lehrer entsprechend ausgebildet", stellt Professor Brettschneider in der Sprint-Studie fest. Rund 30 Prozent des Unterrichts werden fachfremd erteilt. Zwar wurde Hessen in der Studie nicht erfasst, doch dürfte die Situation hier ähnlich sein. Positiv sei aber auch angemerkt, dass das Thema Bewegung in der Ausbildung aller Grundschullehrerinnen und -lehrer fest verankert worden ist.
 

Sportdidaktische Diskussion
Die sportdidaktische Diskussion der letzten Jahre hat inzwischen in den hessischen Lehrplänen ihren Niederschlag gefunden. Sport in der Schule wird nicht mehr (nur) nach Sportarten angeboten. Eingang gefunden haben:

  • die pädagogischen Perspektiven (das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen; Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln; Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen; sich körperlich ausdrücken, Bewegung gestalten; Sinneswahrnehmung verbessern, Bewegungserlebnis und Körpererfahrung erweitern; etwas wagen und verantworten) und
  • die Strukturierung nach Bewegungsfeldern (Laufen, Springen, Werfen; Bewegen im Wasser; Bewegen an und mit Geräten; Bewegung gymnastisch, rhythmisch und tänzerisch gestalten; Fahren, Rollen, Gleiten; mit/gegen Partner kämpfen; Spielen; den Körper trainieren, die Fitness verbessern).
Ziel ist ein vielgestaltiger Unterricht, der Kinder und Jugendliche in unsere Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur einführt. Hessen ist dabei einem Weg gefolgt, der auch schon in anderen Bundesländern beschriften worden ist. Die GEW-Sportkommission begrüßt diese Entwicklung, weist allerdings darauf hin, dass dieser Ansatz ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen nicht erfolgreich sein wird. Die Skepsis vieler Kolleginnen und Kollegen bezieht sich nicht nur auf die oft unzureichenden materiellen Bedingungen, sondern auch auf die fehlenden Fortbildungsmöglichkeiten.

Neue Bewegungsformen und Bewegungsfelder, themenorientierter, mehrperspektivischer Unterricht, fächerübergreifendes Arbeiten oder das Eingehen auf heterogene Lerngruppen sind nur dann zu bewältigen, wenn entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten für Sportlehrkräfte geschaffen und die Arbeitsbedingungen verbessert werden.
 
 

Die Forderungen der GEW-Sportkommission Hessen
Bewegung muss im Schulalltag eine deutlich größere Rolle spielen. Ohne Bewegung ist Lernen kaum möglich. Eine gute Schule sollte eine bewegungsfreundliche Schule sein. Dazu gehört die Bewegungsförderung für Schülerinnen und Schüler mit motorischen Defiziten genauso wie die Förderung sportlicher Talente:

  • Drei Wochenstunden Sport an allen allgemeinbildenden Schulen sind ein Minimum des Unterrichtsumfangs. Die Autonomie der Schulen darf nicht so weit gehen, dass von einem Mindestangebot an Bewegung abgewichen wird.
  • Die Ausbildungs-, Einstellungs- und Fortbildungssituation muss deutlich verbessert werden. Nur auf dieser Basis wird ein qualitativ guter Sportunterricht auch in Zukunft möglich sein.
  • Allen Versuchen, die Sportlehrertätigkeit abzuwerten, muss entschieden entgegen getreten werden (Arbeitszeitmodelle, Faktorisierung der Fächer).
  • Die Notwendigkeit eines verstärkt angebotenen außerunterrichtlichen Sports darf nicht dazu führen, den regulären (für alle verbindlichen) Sportunterricht zu kürzen.
  • Ganztagsangebote an den Schulen müssen mit verstärkten Bewegungsangeboten gekoppelt werden, um einseitige Lern- und Arbeitssituationen zu vermeiden.
  • Die räumlichen und materiellen Ausstattungen an den Schulen müssen einen modernen Sportunterricht ermöglichen. Auch in Zeiten von öffentlich knappen Kassen darf hier nicht gespart werden.
  • Es nützt nichts, wenn alle politisch Verantwortlichen immer wieder auf die besondere Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport hinweisen. Ihre Worte müssen an der Schulsportrealität gemessen werden. Schulsportbündnisse auf Bundes-, Landes-, Stadt- und Kreis- und Schulebene könnten dabei helfen.

Die Verantwortung der Schule
„Im Rahmen der für die Schülerinnen und Schüler vorgesehenen Wochenstundenzahl kann die Schulleiterin oder der Schulleiter nach Anhörung des Schulelternbeirates die Anteile des Fachunterrichts besonderen pädagogischen Bedürfnissen anpassen. Die Abweichung darf je Fach und Woche in den Jahrgangsstufen l bis 4 eine Stunde, ab Jahrgangsstufe 5 insgesamt zwei Stunden nicht überschreiten. Dabei ist zu beachten, dass die Summe der Unterrichtsstunden für das einzelne Fach bis einschließlich Jahrgangsstufe 4 um nicht mehr als eine Stunde, ab Jahrgangsstufe 5 bis einschließlich Jahrgangsstufe 10 (Hauptschule bis einschließlich Jahrgangsstufe 9) um nicht mehr als zwei Stunden von den angegebenen Summen abweicht. Für weitergehende Regelungen ist die Zustimmung des Staatlichen Schulamtes erforderlich. Diese Regelungen gelten auch für das Fach Sport."

Aus: 
Stellungnahme der Kultusministerin zu einer Kleinen Anfrage im Hessischen Landtag (Drucksache 16/3583)



 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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