"Es wird viel
geredet, aber es passiert nichts"
GEW-Sportvorsitzender
Heinrich Pohl prangert Missstände im Schulsport an
Hildesheim (tbr). "Im Schulpsort
tickt eine Zeitbombe", sagt Heinrich Pohl, erster Vorsitzender der Sportkommission
Niedersachsen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Der Bad Salzdetfurther ist resigniert: "Seit Jahren wird von der großen
Bedeutung des Schulsports geredet. Und seit Jahren verändert sich
nichts. Ganz im Gegenteil: Die dritte Sportstunde wird gestrichen."
HAZ: Herr Pohl, wie beurteilen
Sie die derzeitige Situation im Schulsport?
Pohl: Man kann sie nur als
unbefriedigend bezeichnen. Die ständig für alle Schüler
geforderte dritte Sportstunde wird in Niedersachsen de facto nicht erteilt.
Jetzt soll sie sogar ganz wegfallen. Die Sportlehrkräfte sind zum
größten Teil überaltert, die materielle Situation verschlechtert
sich zusehends. Der Stellenwert des Sportunterrichts sinkt leider auch
im Bewusstsein der Eltern.
Wie kann man diese Entwicklung
stoppen?
Zunächst sei erwähnt,
dass es eine gute Zusamenarbeit zwischen GEW, Landessportbund (LSB), den
Fachverbänden und dem Kreissportbund (KSB) gibt. Hierzu zählt
insbesondere die Kooperation zwischen Schule und Vereinen. Ganztagsschulen
bieten die Chance, den Sport nachmittags in das schulische Geschehen einzubinden.
Alle diese Programme sind hilfreich, dürfen den Schulsport aber nicht
ersetzen. Das gilt auch für Arbeitsgemeinschaften. Schulsport und
Fortbildungen sind staatliche Aufgaben - und das muss so bleiben.
Was muss sich also ändern?
Ganz einfach: Der dreistündige
Sportunterricht muss wieder Basis für jedes Konzept von Bewegungserziehung
werden. An jeder Schule muss Sportförderunterricht für Schüler
mit Bewegungsauffälligkeiten stattfinden. Der Sportunterricht muss
von ausgebildeten Lehrern erteilt werden. Außerdem darf Sport nicht
häufiger ausfallen als andere Fächer, die Gleichstellung mit
den anderen Fächern muss gegeben sein.
Warum ist der Schulsport
so wichtig?
Der Sport ist für die
ganzheitliche Entwicklung von zentraler Bedeutung. Er leistet einen gezielten
Beitrag zur Gesundheitserziehung. Sport kann das Sozialverhalten positiv
beeinflussen. Aggressionen werden abgebaut und Leistungen in anderen Fächern
positiv beeinflusst.
Welche Verbessungsvorschläge
haben Sie noch?
Zum Bespiel die gezielte
Bewegungserziehung im Kindergarten. Spielen allein reicht nicht. Dringend
nötig ist auch eine bessere Ausbildung der Erzieher an Fachschulen.
Der KSB Hildesheim geht hier durch Fortbildungsangebote für Erzieher
einen beispielhaften Weg. Zudem muss die Ausbildung der Sportlehrer breitgefächerter
angelegt werden. Die Schule muss sich auch Trend- und Funsportarten öffnen.
Können Sie konkrete
Missstände aus dem Raum Hildesheim benennen?
Es gibt Grundschulen, die
nicht einen einzigen Sportpädagogen haben. Einige Grundschulen können
keinen kontinuierlichen Schwimmunterricht anbieten. Außerdem gibt
es Schulen, die den Pflichtunterricht mit Übungsleitern aus Vereinen
abdecken. Im Raum Hildesheim wurde vor kurzem eine große Sporthalle
gebaut. Bei der Planung und Ausstattung wurden keine Schulsportexperten
herangezogen. Ich wurde vom Sportausschuss des Landkreises eingeladen,
diese und andere Mängel aufzuzeigen. Der KSB wurde beauftragt, aktiv
zu werden und lud Schulsportexperten zu einem runden Tisch ein. Was ist
bisher geschehen? Absolut nichts!