GEW-Sportkommision
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  Erika Busch-Ostermann

Bewegte / Bewegungsfreudige Schule 
Ein Abend für Eltern und Lehrer

Am 16. Januar 2006 trafen sich Eltern der 5. Klassen in der Halle 1, um sich mit dem Thema „Bewegte/Bewegungsfreudige Schule“ vertraut zu machen.

Schwerpunkt war die Umwelt- und Körperwahrnehmung. Es sollten an diesem Abend die 5 Sinne Tasten, Sehen, Hören, Riechen und Schmecken und damit der Einfluss des vestibulären, des kinästhetischen und  des taktilen Systems auf die Lernleistung näher betrachtet werden.

Start war im Theorieraum:
Viele Lacher eröffneten den Abend, denn der Einstieg  erfolgte mit der altbekannten „Stillen Post“ als Gruppenwettbewerb.
Ein der letzten Person (der hintereinander aufgestellten Gruppe) in schriftlicher Form gezeigter Begriff sollte nur unter Zuhilfenahme der Finger als Bild auf den Rücken der vor einem stehenden Person gezeichnet werden. Der/die letzte Empfänger/in hatte sodann die Aufgabe, den erkannten Begriff auf ein Plakat zu malen.
Die unterschiedliche taktile Wahrnehmung war allen schnell klar geworden.

Weiter ging es mit dem Hörsinn:
Zur Partnerfindung dienten unterschiedlich befüllte Filmdosen. Jeder Gegenstand kam doppelt vor, so dass anhand des durch Schütteln der Dosen erzeugten Tones ein Partner gefunden werden konnte. Gar nicht so einfach, denn Nebengeräusche lenken doch schnell ab!


 

Mit der Methode der „Kommunikativen Hand“ ging es weiter.
Hier wurde in Einzel, Partner- und anschließend in Gruppenarbeit zu den folgenden Fragen Stellung bezogen:

  • Persönliche Einstellung zur Bewegung
  • Persönliche Einstellung zum Lernen
  • Ein Ereignis/Prozess, das/der in meinem Leben mein Selbstwertgefühl gestärkt hat
  • Welche der auf der Rückseite Ihres Blattes aufgelisteten Begriffe verbinden Sie mit der „bewegten Schule“? 
  • Was ich mir in bezug auf Schule für mein(e) Kind(er) wünsche

 

Aus den Ergebnissen dieser Aufgabe und aus dem anschließenden Vortrag entwickelten sich interessante Gespräche.
Hieraus einige Auszüge/Informationen:

Warum bewegter Unterricht?

1. Zur Kompensierung von Bewegungsmangel

Sehen wir uns die durchschnittlichen täglichen Aktivitäten eines Mittelstufenschülers an, wird deutlich, dass Bewegung „Mangelware“ ist. 

Tätigkeit      -      Motorische Beanspruchung
1. Frühstück  -   Sitzen
2. Schulweg  -  Sitzen (Bahn/Bus/PKW)
3. Schulbesuch
     3.1 Unterricht -   Sitzen
     3.2 Pausen  -  Sitzen und Stehen 
     3.3 Sport:  -     2x pro Woche
4. Heimweg  -  Sitzen
5. Mittagessen -  Sitzen
6. Hausaufgaben  -  Sitzen
7. Spielen (am Computer)  Auge-Hand-Koordination oder Fernsehen bis zu 3 Std. + Sitzen
8. Abendessen  -  Sitzen
9. Fernsehen  -  Sitzen
10. Schlafen  -  Liegen  (mod. nach Tidow)

Bewegungsmangel hat nicht nur gesundheitliche Folgen (wie Haltungsschäden und Übergewicht), sondern durch mangelnde Körper- und Umweltwahrnehmung fehlen immer mehr Voraussetzungen zur erfolgreichen Teilnahme am „normalen“ Unterricht.
Unter diesem Aspekt verwundert es dann auch weniger, dass die Schüler immer „auffälliger“ und „schwieriger“ werden.
 

2. Zur Integration

Vielfältige Bewegungsangebote bieten für Kinder, deren schulische Leistungen nicht in allen Bereichen zufriedenstellend sind, die Möglichkeit andere Stärken an sich zu entdecken und zu zeigen. Kreativität, soziale Fähigkeiten und vieles mehr können positive Ergebnisse sein und sich fördernd und stützend auf das Selbstwertgefühl der Schüler auswirken. 
 

3. Zur Konzentration

Das Gehirn kann nur leistungsfähig bleiben, wenn es genügend mit Sauerstoff versorgt. Bekannt ist, dass körperliche Aktivitäten die Aufnahme von Sauerstoff begünstigen.
Die Aufmerksamkeit eines Menschen steht wie erwähnt in enger Verbindung mit den Systemen der Körperwahrnehmung. Um über längere Zeit aufmerksam zu bleiben, müssen diese Bereiche immer wieder angesprochen werden.  Es gibt mittlerweile etliche Studien, die eindrucksvoll belegen, dass Konzentration und Bewegung in engsten Zusammenhang stehen
 

4. Um die Aggressivität mindern

Aggressionen haben viele Ursachen. Bewegung kann helfen, den Druck abzubauen.
 

5. Zur Motivation

Erinnern Sie sich doch einmal an die erste Schulzeit Ihrer Kinder zurück:
In den ersten Wochen gefiel es den Kindern „sehr gut“, dann hieß es auf einmal nur noch „gut/geht so“ und irgendwann einmal war die Freude am Lernen wenigstens zum Teil vorbei. Erzähle ich Ihnen da etwas Neues? Wohl kaum. Und dass, obwohl Kinder eigentlich sehr wissbegierig sind...! Woran kann dies liegen?
Kinder brauchen Bewegung, doch spätestens in der weiterführenden Schule ist es mit dem Bewegen im Unterricht vorbei. Bewegung stört! Aber nur die Bewegung der Kinder...
Die Hirnforschung sagt uns seit langem, dass alles, was wir handlungsorientiert und durchaus auch mit körperlichen Einsatz lernen in der Regel viel besser in unserem Gedächtnis bleibt!
Aktive Unterrichtsbeteiligung macht auf Dauer allen Beteiligten mehr Freude. Schüleraktivierende Unterrichtsmethoden, die zudem noch auf ein selbstgesteuertes Lernen hinzielen, erhöhen die Effektivität des Unterrichts und bringen positive Erlebnisse. Positive Emotionen steigern die Gehirnaktivität erheblich, während Stress sie senkt, wie die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft eindeutig belegen.

6. Last but not least

Ist es schon seit den 80er Jahren bekannt:
Durch begleitende körperliche Bewegungen wird der Lernstoff besser verankert und  bleibt so auch besser im Gedächtnis!
 
 

Weitere diskutierte Fragen:

Welche Kompetenzen benötigen unsere Kinder?
Eigenschaften die zum Beispiel im Studium und später im Berufsleben gefragt sind:
Sozialkompetenz, Übernahme der individuellen Verantwortlichkeit,  Flexibilität, Engagement, Durchsetzungsvermögen, Teamfähigkeit, Kreativität ... 
Interaktionsformen, die dazu beitrage, dass die Gruppenprozesse gedeihlich verlaufen (z.B. sich melden, sich gegenseitig ermutigen, einander zuhören...) . Solche Fähigkeiten verbessern die Kommunikation, das Vertrauen, die Verhandlungsfähigkeit, die Entscheidungsfindung und befördern angemessene Konfliktlösungsstrategien
Auch hier kann bewegter Unterricht helfen: In Bewegungssituationen setzen sich Kinder auseinander (z. B. um Materialien oder Regeln), bringen sich ein (z. B. beim Erfinden von Variationen), kooperieren, müssen Kompromisse aushandeln und Konflikte lösen. Sie machen dabei wichtige soziale Erfahrungen, auf denen – wenn sie entsprechend unterstützt werden – o. g. Fähigkeiten aufbauen.

Wodurch sind diese zu erlangen?
Methodentraining, Teamentwicklung, Kommunikationstraining führen zu
Eigenverantwortlichem (= selbstreguliertem, selbstgesteuertem, selbstorganisiertem) Lernen

Unterschiedliche Lerntypen





Viel zu selten werden die  unterschiedlichen Lerntypen beachtet:
Allgemein bekannt ist, das es„visuelle“ und „auditive“ Lerntypen gibt. Erstere lernen am leichtesten das, was sie sehen, die Zweiten das, was sie hören. 
Daneben gibt es aber auch “ kinästhetische“ Typen: Hier dominiert die Wahrnehmung über den Körper (Bewegungswahrnehmung). Meist sind jedoch Mischformen zu finden.
 

Anschließend wurden die erlangten Informationen in der Praxis vertieft.

Stationen mit den Schwerpunkten  Reaktion, Gleichgewicht, Geschicklichkeit, Doppelkoordination, Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken, Textverständnis, Anpassung an Partner und Team usw. wurden mit viel Vergnügen probiert und wertvolle Erfahrungen gemacht.

Einig waren sich alle am Ende der Veranstaltung:

Die Entwicklung und Förderung von Lernen, Denken, Kreativität und Intelligenz benötigen die Mitwirkung aller Sinne und Emotionen

Notwendig ist daher in einer bewegten Schule die Orientierung hin zu einer Entwicklungsbegleitung, welche sich an den Gesetzmäßigkeiten des Jugendalters  sowie an den Stärken und Schwächen der einzelnen Individuen orientiert und weg von einer bloßen Belehrungskultur.
Zur Entwicklung der Persönlichkeit spielen Wahrnehmungs- und Bewegungsschulung eine zentrale Rolle. 
Differenzierte Selbst- und Fremdwahrnehmung gehören zur Entwicklung und tragen zum Selbstbewusstsein ebenso wie zur Entfaltung sozialer Fähigkeiten z.B. in den Bereichen Kommunikation und Handlungsfähigkeit bei. 
Auch der Aufbau kognitiver Fähigkeiten, d.h. die Entwicklung von Denkprozessen wird durch Bewegung unterstützt.
Bei ungenügender Ausbildung, aber auch bei unzureichenden Wiederholungen („Training“) können Wahrnehmungs- und Bewegungsvermögen sich wieder zurück bilden. Die Grundlagen müssen in der frühen Kindheit erworben werden, jedoch ist es bis ins Jugendalter und darüber hinaus möglich diese Bereiche auszubilden und weiter zu entwickeln. Defizite in den genannten Bereichen erschweren das schulische Lernen! Also: „Förderung vor Auslese!“

Als Hausaufgabe nahmen alle noch gerne ein Testblatt mit, in dem es um die „Multiplen Intelligenzen ging.
 
 
 
 
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Kontakt:
Erika Busch-Ostermann

Referentin und Lehrerin am Städtischen Gymnasium Bergkamen




 

Anlage Auswahlbegriffe zu Frage 4 der „Kommunikativen Hand“

Wählen Sie bis zu 5 Begriffe aus:
Tägliche Sportstunde 
Stressmanagement
Gesunder Arbeitsplatz
Bewegungsorientierte Innenräume
Bewegungsorientierte Außenräume
Fitness
Gutes Schulklima
Gemeinsame Unterrichts- und Erziehungsgrundsätze
Wohl fühlen in der Schule
Bewegter/Bewegungsorientierter Unterricht
Aktive Pausen
Gesunde Ernährung
Arbeiten im Team
Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler
Sportlicher Schwerpunkt im Schulprogramm
Vielfältiges Sport- und Bewegungsangebot
Lebenszeit gewinnende Rhythmisierung
Bewegende Organisationsstrukturen
Schulprogramm
Innovationsfreude
 



BUCHEMPFEHLUNG

Roland Bauer: 
Schülergerechtes Arbeiten in der Sekundarstufe 1 
(Lernen an Stationen)
1997, Cornelsen Verlag Scriptor GmbH & Co, Berlin
ISBN 3-589-21117-2

Diese Buch nimmt sich zwar des Themas „Lernen an Stationen“ an, ist aber eigentlich ein Grundlagenwerk für zeitgemäßen Unterricht und damit für die unterschiedlichsten Ansätze und Methoden geeignet.

Es werden (laut Einführung) folgende zentrale Fragestellungen aufgeworfen und mit vielen theoretischen Grundlagen beantwortet:
Welches Verständnis vom Lernen liegt hier überhaupt zugrunde?
Auf welche Traditionen stützt sich dieser Weg?
Welche Ziele werden verfolgt, welche Chancen, aber auch welche Risiken sind damit verbunden?
Welche Überlegungen haben zur Entwicklung dieses Lernwegs geführt?

Lernvoraussetzungen von Schülern und Schülerinnen wie Unterschiede im Lern- und Arbeitstempo werden ebenso wie fachübergreifendes, ganzheitliches und handlungsorientiertes Arbeiten und Lernen detailliert beschrieben, Umsetzungsmöglichkeiten und Beispiele runden das Buch ab.

Vieles erinnert an die Ansätze des „cooperative learning“ nach Norm Green, Kanada.

Ein lohnenswertes Buch für alle, die sich mit den sich ständig veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen von Schülern und Schülerinnen und deren zukünftiger Berufswelt beschäftigen!

Ein Werk, das im Übrigen vollauf den Ansprüchen an eine „Bewegte“ Schule gerecht wird!

Lernen an  Stationen wird als ein Weg zum schülergerechten Arbeiten gesehen – eigenverantwortliches Handeln der Lernenden stark gefordert und unterstützt.
 

Erika Busch-Ostermann



 

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(Bewegte Schule, Materialien zum Lehrplan, Praxismodelle für die Grundschule, reflexive Koedukation u.v.m.)