Friedrich Mever
Aus: DSB-Jahresmagazin 2006Seit einem halben Jahrhundert geht es um Verbesserung des Schulsports
Als im Juli 2005 der Endbericht der vom DSB 2003 in Auftrag gegebenen sogenannten Sprint-Studie zur aktuellen Situation des Schulsports vom federführenden Paderborner Sportwissenschaftler Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider an den Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder, Prof. Dr. Johanna Wanka, übergeben wurde, waren damit auch auf umfassende Weise die beklagenswerten Zustände wissenschaftlich dokumentiert, die den Schulsport in Deutschland nun schon seit Jahren und Jahrzehnten kennzeichnen. "Wann endlich gibt es den Ruck im Schulsport? fragte der DSB-Präsident bei der Übergabe der Unterrsuchungsergebnisse, den Ruck in der Kultur- und Schulpolitik der Länder, der in Memoranden, Vereinbarungen und Ankündigungen seitens der Politik und Kultusbürokratie immer wieder zugesagt, aber letztendlich nur völlig unzureichend in die Praxis umgesetzt wurde.In den mehr als fünf Jahrzehnten seit seiner Gründung im Dezember 1950 hat sich der DSB immer auch als ein hartnäckiger Anwalt des Schulsports in der Bundesrepublik verstanden. Das macht eine Dokumentation dieser Bemühungen deutlich, die bereits in der ersten Sitzung des neugewählten DSB-Präsidiums im Januar 1951 ansetzten, als der gerade konstituierte Deutsche Sportbeirat aus Wissenschaftlern, Pädagogen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens damit beauftragt wurde, in der Öffentlichkeit die tägliche Turn- und Sportstunde zu fordern und eine entsprechende Denkschrift vorzubereiten". Die Verabschiedung der daraufhin vom Sportbeirat erarbeiteten "Leitsätze für die Leibeserziehung an den Schulen" stand im Mittelpunkt der Präsidiumssitzung am 25./26. April 1953. Darin kritisierte der DSB, dass in der Schule die Körpererziehung gegenüber der geistigen Erziehung unterbewertet werde, und zwar "in einem Maß, das für die deutsche Jugend von einem verhängnisvollen Nachteil ist". Gefordert wurde eine Erneuerung des Erziehungswesens, bei der die Leibeserziehung in ihrer vollen Bedeutung für die Gesamterziehung junger Menschen erkannt und berücksichtigt werden müsse.
Zwei Jahre später gelang es DSB-Präsident Willi Daume, Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer als Förderer zu gewinnen. Am 30. März 1955 hatte der Bundeskanzler Willi Daume, DSB-Vizepräsident Oscar Drees und Schatzmeister Herbert Kunze zu einem ausführlichen Gespräch über Gegenwartsprobleme und Aufgaben des deutschen Sports in Bonn empfangen. Dabei sicherte Adenauer dem DSB nicht nur mündlich seine Unterstützung zu, sondern unterstrich dies wenige Wochen später auch noch mit einem Schreiben vom 25. April 1955 an den DSB-Präsidenten. Darin hieß es u. a.: "Trotz des geschehenen Missbrauchs in der hinter uns liegenden Zeit soll die Leibeserziehung der Jugend nicht länger vernachlässigt werden. Sie muss im Interesse der heranwachsender Generation als eine besonders kulturelle, soziale und staatsbürgerliche Aufgabe angesehen werden. Angesichts der sprunghaft steigenden Zivilisationsschäden und der körperlichen und nervlichen Verfassung unserer Jugend verdient eine ausreichende Leibeserziehung der Jugend und eine nachhaltige Sportpflege zur Erhaltung unseres Volkes die Aufmerksamkeit und Förderung aller verantwortlichen Stellen..."
Dieser Kanzlerbrief erreichte den DSB gerade noch rechtzeitig zu dem ersten Treffen mit der Kultusministerkonferenz am 29. April 1955 in Koblenz. Mit exakten Zahlen belegte der DSB die Zivilisationsschäden bei der Jugend der Kriegs- und Nachkriegsjahrgänge und erregte damit auch über die Medien großes Aufsehen. Als Ergebnis der Beratungen wurden vier paritätisch besetzte Ausschüsse in Koblenz eingesetzt, um innerhalb von Jahresfrist Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung an den Schulen - wie es damals noch hieß - zu erarbeiten.Diese "Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung in den Schulen" von KMK, Kommunalen Spitzenverbänden und DSB wurden am 24. September 1956 vom damaligen KMK-Präsidenten Simpfendörfer vor der Bundespressekonferenz in Bonn der Öffentlichkeit übergeben. "Die Leibeserziehung gehört zur Gesamterziehung der Jugend. Bildung und Erziehung sind insgesamt infrag* gestellt, wenn sie nicht oder nur unzureichend gepflegt werden", lautete der auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zitierte Kernsatz dieser Empfehlungen. Auf die Verwirklichung der Absichtserklärung an anderer Stelle, nämlich das "in ferner Zukunft der Unterricht in den Leibesübungen ... eine tägliche Turn- und Sportzeit umfassen (soll)", wartet nicht nur der DSB bis heute vergeblich ...
Da sich trotz der "Empfehlungen bis Mitte der sechziger Jahre innerhalb der KMK hinsichtlich des Sports an Schule und Hochschule wenig tat, überreichte Willi Daume im Juli 1965 in Stuttgart das DSB-" Memorandum zum Stand der schulischen Leibeserziehung", in dem aufgezeigt wurde, dass die vom DSB mit den Kultusminis tern ein Jahrzehnt zuvor abgestimmten Nahziele zum Schulsport bei weitem nicht erreicht worden waren. Drei Jahre später nahm - ebenfalls in Stuttgart - beim DSB-Bundestag 1968 Bundeskanzler Dr. Kurt-Georg Kiesinger in seinem Festvortrag unmissverständlich Stellung: 'Ich begrüße auf das lebhafteste die Vorschläge, die der Deutsche Sportbund in seinein Memorandum um Stand der Leibeserziehung in den Schulen gemacht hat ... Ich bin nicht für ein Sportministerium, aber ich bin für eine noch gründlichere, noch konsequentere Förderung des Sportes und der Leibeserziehung durch den Staat, durch Bund, Länder und Gemeinden, und ich bin es vor allem im Bereich der Schule. Es will einfach nicht in meinen Kopf, dass der Sport, dass die Leibeserziehung, in unserer Schule einen so geringen Platz einnehmen soll. Es wäre wirklich von Nöten, dass die Kultusministerkonferenz sich ganz ernsthaft mit diesen Problemen befasst. Ich könnte eine sehr bitter klingende Stelle aus den Feststellungen des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen zitieren, die genau auf dieselbe Notwendigkeit hinweist, aber dann resignierend feststellt, das werde bei uns ja doch nicht zu erreichen sein ..."
Der DSB setzte unterdessen seine Bemühungen um eine Verbesserung des Schulsports fort; ergänzend entwickelte die Deutsche Sportjugend erste Konzeptionen für eine Sporterziehung auch im Elementarbereich. Im Olympiajahr 1972 wurde am 7. Juli vor der Bundespressekonferenz in Bonn das "Aktionsprogramm für den Sport an Schule und Hochschule" der Öffentlichkeit übergeben, das auf der Grundlage übereinstimmender Beschlüsse der KM K, des DSB, der Kommunalen Spitzenverbände und des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft als Ergebnis vierjähriger gemeinsamer Bemühungen erarbeitet worden war - dessen konkrete Verwirklichung später aber noch oft eingefordert werden musste.
Ein "Zweites Aktionsprogramm für den Schulsport", das einen Rahmen bis zum Jahr 2000 setzen sollte, wurde von DSB, KMK und Kommunalen Spitzenverbänden dann am 17. April 1985 in Bonn der Öffentlichkeit übergeben. Bereits in der Präambel dieses "Zweiten Aktionsprogramms" räumten die Partner ein, dass nicht alle Forderungen der "Empfehlungen" von 1956 und des "Aktionsprogramms" von 1972 bisher verwirklicht werden konnten. Aber "die gemeinsame Verantwortung für die sportliche Erziehung und Bildung der Kinder und Jugendlichen" veranlassten die Bundesländer, den EJSB und die Kommunalen Spitzenverbände dazu, auch dieses Programm in partnerschaftlichcr Trägerschaft zu vereinbaren.
Anfang 1989, also vier Jahre später, hatte der DSB allerdings Grund dazu, eine detaillierte Anfrage an die KMK zum Stand der Verwirklichung dieses Programms zu richten. Und beim DSB-Bundestag 1992 in Berlin forderten die Delegierten die verantwortlichen Politiker unter Hinweis auf die vorangegangenen Zusagen in einer detaillierten Erklärung auf, die Situation des Schulsports in Deutschland nicht weiter zu verschlechtern. Vertieft wurde diese Kritik beim DSB-Hauptausschuss im Mai 1993 in Frankfurt/Main. Negative Entwicklungen im Berufsschulsport und Schulsportreduzierungen m einigen Bundesländern veranlassten das DSB-Präsidium im Februar 1997, die Kultusminister der Länder in einer Erklärung erneut aufzufordern, ihren Pflichten nachzukommen ("Der Staat hat die Pflicht, Bildung und Erziehung zu garantieren. Wichtiger Bestandteil eines umfassenden Bildungsange-bots ist der Schulsport...") und festzustellen, dass der Sportverein keine Ersatzschule sei. Vorangegangen war im gleichen Monat eine vom DSB mit dem Bundeselternrat und dem Deutschen Sportlehrerverband formulierte "Stuttgarter Erklärung zum Schulsport" mit konkreten Forderungen zur Verbesserung der Schulsportsituation.
Die Bedeutung des Schulsports für lebenslanges Sporttreiben wurde schließlich in einer "Gemeinsamen Erklärung" betont, die Senator Willi Lemkke für die Kultusministerkonferenz, Minister Stoffen Reiche für die Sportministerkonferenz und Präsident Manfred von Richthofen für den Deutschen Sportbund anlässlich der DSB-Jubiläumsfeier im Dezember 2000 in Hannover unterzeichneten. Die Erklärung beginnt mit der Feststellung, "Der Schulsport ist ein unaustauschbarer Bestandteil umfassender Bildung und Erziehung" und macht dies auch in den folgenden sieben Kapiteln überzeugend deutlich. Bundespräsident Johannes Rau hatte in seiner Festansprache zuvor betont, dass der Sportunterricht zur ganzheitlichen Bildung gehöre. "Er gehört aber auch zur Gesundheitsförderung und Prevention. Der Schulsport darf an unseren Schulen schon deshalb nicht fehlen!"
In einem Beitrag für das aktuelle DSB-Jahrbuch das Sports 2005/2006 hat die CDU-Bundesvorsitzende Dr. Angela Merkel noch vor ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin unter Hinweis auf die Ergebnisse der Sprint-Studie des Deutschen Sportbundes u. a. auf die "in erschreckendem Maße" abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder aufmerksam gemacht und betont: "Bei der Lösung dieses gesellschaftlichen Problems muss die Schule ihren Beitrag leisten. Der Schulsport ist deshalb mit einem Mindestmaß an Wochenstunden in allen Schulstufen festzulegen und als gleichwertiges Unterrichts- und Ausbildungsfach in der schulischen Ausbildung anzuerkennen."
Die gleichen Forcierungen sind bereits in den "Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung in den Schulen" aus dem Jahr 1956 enthalten. Das ist nun ein halbes Jahrhundert her. Wie viele Jahre müssen sie eigentlich noch wiederholt werden, bevor sie auch in der schulischen Praxis umgesetzt worden sind?
Das DSB-Jahresmagazin ist über den Deutschen Sportbund zu beziehen![]()
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