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Diskussion
Schulsportstudie - Sportunterricht in Deutschland
Diskussionsbeitrag
10.4./13.5. /6.7. 2005
Sportunterricht
in Deutschland -
Vorbemerkung Schul- und Bildungsstudien haben den Sinn, bestehende Systeme auf den Prüfstand zu stellen, die Situation realistisch zu beschreiben und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Folgerichtig formulierte auch der DSB für die Rahmenkonzeption der Schulsportstudie, dass es darauf ankomme, Sollensforderungen mit dem Ist-Zustand in Beziehung zu setzen. Seit der öffentlichkeitswirksamen Pressekonferenz des Deutschen Sportbundes im Dezember 2004 gibt es bereits relevante Zwischenergebnisse. Der federführende Wissenschaftler, Prof. Brettschneider, hat sie vorgestellt und erste Schlussfolgerungen gezogen. Hierauf beziehen sich meine Anmerkungen und offenen Fragen. Die endgültigern
Ergebnisse sind am 5. Juli 2005 vorgestellt worden.
Es wird jetzt um die Frage
gehen, wie eine Verbesserung der Schulsportsituation erreicht werden kann
und wie kann verhindert werden, dass großen Worten (wieder) keine
Taten folgen.
1. Die Studie bestätigt,
was alle schon (irgendwie) wussten.
Richtig überraschend sind die Ergebnisse nicht. Seit Jahren /Jahrzehnten wird die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die Heranwachsenden betont und die Rahmenbedingungen des Schulsports wurden deshalb - nicht zuletzt vom DSB - immer wieder kritisiert (Stundenausfall, Überalterung der Sportlehrerschaft, fachfremder Unterrichtseinsatz, schulform- und schichtenspezifische Benachteiligungen). Die Studie bestätigt
diese Einschätzung und Kritik in wesentlichen Punkten, wenngleich
auch Differenzierungen notwendig sind.
Sportunterricht ist zunächst
einmal Ländersache.
Ob ein Ländervergleich überhaupt vorgesehen ist, lässt sich zur Zeit nicht erkennen. Politisch könnte dies - bei unterschiedlicher Schulsportförderung - durchaus Brisanz haben. Was die Konsequenzen anbetrifft, droht die Gefahr, dass Verantwortlichkeiten verwischt werden. Es bleibt zu hoffen, dass
bei der Schlussauswertung noch neue Gesichtspunkte hinzukommen, die Ansatzpunkte
für eine gezielte Verbesserung der Schulsportsituation liefern.
2. Die Studie erfasst nicht die koordinativen und konditionellen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Auch über die Umsetzung von Lehrplänen sagt sie (bisher) wenig. Die Sprint-Studie ist keine PISA-Studie für den Schulsport. Sie zeichnet kein (objektives) Bild von der Qualität des Unterrichts oder der Fähigkeiten der Schüler. Es geht in erster Linie um die Rahmenbedingungen des Sportunterrichts (Lehrpläne, Stundenausfall, Sportstätten, Ansehen und Altersstruktur der Lehrkräfte u.v.a.m.) und um die subjektiven Einschätzungen der Betroffenen (Eltern, Schüler, Sportlehrer/innen, Schulleiter) . Was wird an Zielsetzungen
im Unterricht überhaupt umgesetzt, was nicht?
Fitnessmängel, koordinative Defizite, Übergewicht sowie gesundheitliche Probleme von Schülerinnen und Schülern wurden in den letzten Jahren schon durch verschiedene Einzeluntersuchungen, Expertenhearings sowie durch die großen "WIAD-Studien" 2000 und 2003 verdeutlicht. Innerhalb der Sprintstudie
wurden aus Kostengründen keine Daten zum Bewegungsstatus erhoben.
3. Der Unterrichtsausfall
betrifft fast alle.
Nach den ersten Ergebnissen fällt jede dritte. bzw. vierte Sportstunde aus. Auch das ist nicht überraschend. Der ohnehin knapp bemessene Sportunterricht dürfte Spitzenreiter im Unterrichtsausfall der verschiedenen Fächer sein. Einige Bundesländer haben den Sportunterricht ohnehin schon auf zwei Wochenstundenstunden reduziert, d.h. dass dort weiterer Stundenausfall (bedingt durch Krankheit, Sportwettkämpfe etc.) fatale Konsequenzen hat. Dabei muss davon ausgegangen werden, dass die effektive Bewegungszeit oft nur einen Bruchteil der Unterrichtsstunden ausmacht. (Wurde die effektive Bewegungszeit in der Sprint-Studie untersucht?) Der durchschnittliche Sportstundenanteil beträgt laut Sprintstudie 2,2 Wochenstunden, wobei Gymnasiasten mehr, Hauptschüler weniger Unterricht haben. Gerade die Gruppe, die z. B. auch in Sportvereinen unterrepräsentiert ist, wird hier weiter benachteiligt. Dass in der Hauptschule der Sportunterricht oft von 30%-nicht ausgebildeten Lehrern/innen gegeben wird, verschlimmert diesen Missstand noch weiter. Der Berufsschulsport war
wie der Sport an Sonderschulen nicht Gegenstand der Untersuchung.
4. Die Sportstättenversorgung wird in der Studie nicht als gravierendes Problem gesehen. Bei voller und qualifizierter Unterrichtsabdeckung und verstärkten Ganztagsangeboten wäre sie aber eins. Brettschneider stellt in
seinem Zwischenfazit zu den Sportstätten dar, dass es kein gravierendes
Problem gibt. Immerhin, denkt man.
"Die Schulen brauchen eine Sportstätten-Infrastruktur, die mit den modernen Standards der Gesamtausstattung Schritt hält. Insbesondere dann, wenn sie immer mehr zu Lebensräumen der Kinder und Jugendlichen werden, die auch weite Bereiche der Freizeitgestaltung umfassen. Dazu gehören auch für den Schwimmsport taugliche Hallen- und Freibäder." Bei einem Ganztagsbetrieb, der zusätzliche Bewegungsangebote beinhaltet, werden zusätzliche Hallenkapazitäten gebraucht. Bezieht man den Wunsch vieler
Schüler nach einer Ausweitung des Unterrichts zu neuen Sportformen
und Bewegungsfeldern ein, bleibt die Frage, ob dazu überhaupt die
Mittel (d.h. Sportstätten, Sportgeräte) vorhanden wären.
Offen bleibt auch die Frage, ob bestimmte Schulformen bei der Sportstättenversorgung
privilegiert bzw. unterprivilegiert sind.
5. Nicht die Überalterung der Sportlehrerschaft ist das zentrale Problem, sondern die Vorbereitung auf neue und veränderte Rahmenbedingungen des Sportunterrichts. Sicherlich muss es nachdenklich stimmen, dass der Altersaufbau der Sportlehrkräfte eine Schieflage aufweist. Es gibt mehr alte als junge Sportlehrer/innen. In anderen Fächern ist allerdings eine ähnliche Altersstruktur vorhanden (bedingt durch die Einstellungssituation in den 80ger und 90ger Jahren). Die Vorstellungen über Ziele, Inhalte und Methoden des Sportunterrichts haben sich in den letzten 25 Jahren erheblich verändert und in den Lehrplänen der meisten Bundesländer einen deutlichen Niederschlag gefunden. Inwieweit die Schulsportrealität den Forderungen der Lehrpläne entspricht, wird hoffentlich noch der weitere Verlauf der Untersuchung zeigen. Neue Bewegungsformen und Bewegungsfelder, themenorientierter, mehrperspektivischer Unterricht, fächerübergreifendes Arbeiten oder das Eingehen auf heterogene Lerngruppen sind nur dann zu bewältigen, wenn entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten für Sportlehrkräfte geschaffen werden und aufgrund der Arbeitsbedingungen auch eine Bereitschaft dazu vorhanden ist. Dies betrifft sowohl alte
als auch junge Lehrkräfte, deren Ansehen nach bisherigen Ergebnissen
unabhängig vom Alter gut ist. Inwieweit dabei die Leitbilder der Lehrpläne
mit denen der Sportlehrer/innen übereinstimmen, wäre dabei eine
interessante Frage.
6. "Sportunterricht in
der Schule: Schüler mögen ihn, Schulleiter schätzen ihn,
Eltern sind von seiner Bedeutung überzeugt".
Keine Frage: Die positive
Bewertung des Sportunterrichts durch Eltern und Schüler ist erfreulich.
Welche pädagogische
Bedeutung haben Bewegung, Spiel und Sport in den jeweiligen Schulen?
Die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen deutlich zu machen, muss deshalb innerhalb der Lehrerkollegien von den Sportlehrer/innen ausgehen. Dazu gehört auch die Verbindung von Bewegung und Lernen sowie die Verbreitung des Ansatzes einer "bewegten Schule". Bedenkt man, dass zentrale Entscheidungen über die Entwicklung der jeweiligen Schule von den Lehrerkonferenzen getroffen werden, rückt eine Gruppe ins Blickfeld, die in der Sprintstudie nicht auftaucht: Lehrer anderer Fachrichtungen. Auch sie sind für den Stellenwerts des Sports an der Schule sehr wichtig. Gerade wenn man das Konzept einer bewegten Schule verfolgt, sind gemeinsame Bemühungen unabdingbar. Problematisch wird es aber
auch, wenn - wie in Hamburg geschehen, in Bayern lange praktiziert und
in anderen Bundesländern geplant - die Sportlehrertätigkeit im
Vergleich zu anderen Fächern abqualifiziert wird. Wenn Sportlehrer/innen
zusätzlicher Unterricht verordnet wird, darf man sich nicht wundern,
wenn zukünftig wichtige pädagogische Aufgaben im außerunterrichtlichen
Sport entfallen.
7. Schüler wollen einen abwechslungsreichen Sportunterricht, mehr neue Sportarten und Sportformen. Die Frage ist aber auch, wie neue und traditionelle Sportarten bzw. Sportformen angeboten werden und welche Voraussetzungen an den Schulen dafür vorhanden sind. Die Schülermeinungen
geben zwar ein wichtiges Stimmungsbild, wichtig wäre aber auch die
genauere Differenzierung (was sie für den Fortgang der Untersuchung
noch zu erwarten ist).
Schüler/innen beziehen
ihre Wünschen vor allem auf Sportarten und Bewegungsformen. Übergeordnete
Zielsetzungen, Lernwege, Sozialformen spielen dagegen in der sportdidaktischen
Diskussion eine besondere Rolle. Beides sollte daher in ein stimmiges Verhältnis
gebracht werden.
Fehlende Sportgeräte,
Sportstätten, Gruppengrößen, aber auch Fortbildungsmöglichkeiten
für Lehrkräfte stehen dem Wunsch nach einem abwechslungsreichen
Sportunterricht oft entgegen.
8. Auch wenn Schüler/innen
mehr Leistung und Anstrengung im Sportunterricht wünschen, macht es
Sinn, für einen differenzierten Leistungsbegriff einzutreten.
Viele Schüler/innen
kritisieren an ihrem Sportunterricht, dass zu wenig Anstrengung und Leistung
erbringen können. Brettschneider sieht darin eine Fehlentwicklung
der Sportdidaktik, die Leistung und Anstrengung über ein Jahrzehnt
tabuisiert habe (vgl. FAZ-Interview vom 13.12. 2004) und kritisiert dies
als den gravierendsten Missstand, der durch die Studie zu Tage trete.
Bewegung und Schwitzen ist
sicherlich ein konstitutives Moment von sportlicher Betätigung. Ein
Unterricht, der auf lebenslanges und freudvolles Sporttreiben vorbereiten
will, kann dabei aber nicht stehen bleiben. Das Leisten verstehen zu lernen
ist ebenso wichtig wie unterschiedliche Sport- und Bewegungsformen kennen
zu lernen. Die Diskussion um Qualität im Sportunterricht hat viele
Dimensionen.
Gerade die auch von Brettschneider
beklagten Bewegungs- und Fitnessmängel dürften nicht auf einen
didaktisch falsch ausgerichteten Sportunterricht zurückgehen, sondern
auf gesellschaftliche, politische und institutionelle Rahmenbedingungen,
die Bewegung und Sport als eher vernachlässigbar betrachten. Die Kritik
an der Schulsportsituation sollte deshalb auch da ansetzen.
Vorläufiges Fazit Es ist wohl nicht zu vermeiden, dass die bisherigen Ergebnisse der Sprint-Studie in der öffentlichen Diskussion auf einfache Nenner gebracht werden: Viel Stundenausfall, fachfremder Unterricht, Überalterung der Lehrkräfte, mehr Leistung im Sportunterricht, mehr Funsport. Es wäre aber Schade,
wenn diese großangelegte Studie auf solch plakative Aussagen beschränkt
würde. Es lohnt schon genauer hinzusehen und voreilige Schlussfolgerungen
zu hinterfragen bzw. ihr Umfeld genauer zu beleuchten. Dies wird vor allen
dann wichtig, wenn Perspektiven entwickelt und Forderungen zur Verbesserung
der Situation des Schulsports gestellt werden, die auch die Chance der
Umsetzbarkeit haben.
Perspektiven und Forderungen Es ist bei der Vorstellung solcher Untersuchungen üblich, auf den Signalcharakter für die politisch Verantwortlichen hinzuweisen. So ist es dann auch bei der Vorstellung der vorläufigen Sprint-Ergebnisse durch Professor Brettscheider und dem DSB-Präsidenten Richthofen geschehen. "Diese Studie wird Unruhe erzeugen, vor allem unter den politisch Verantwortlichen. Salopp ausgedrückt: Die Politiker kriegen ganz schön die Hucke voll" , formulierte Brettschneider in einem FAZ-Interview. Entscheidend dürfte aber die Frage sein, was mit den Ergebnissen jetzt passiert. "Zu den Kernforderungen zählt
in erster Linie ein breitgefächertes Angebot von Bewegung und Sport
für alle Schülerinnen und Schüler auf der Basis gesicherter
Rahmenbedingungen u.a. hinsichtlich Personal, Ausstattung und zeitlicher
Umfänge für den verbindlichen Sportunterricht für alle Schulformen
und auf allen Schulstufen."
Konkretisiert und zugespitzt könnten weitere Forderungen erhoben werden:
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